Vier Frauen, vier Wege: Warum Familie und Beruf nicht immer vereinbar sind
Am Samstag gehen Zehntausende Frauen auf die Strasse. Was wollen sie? Daheimbleiben, Karriere machen – oder beides? Vier Frauen geben Antworten.

In Kürze:
- Am Samstag, 14. Juni, findet in zwei Dutzend Schweizer Städten der feministische Streik statt.
- Es gibt Frauen, die fordern staatliche Entlöhnung für die unbezahlte Haus- und Familienarbeit.
- Flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen vielen Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
- Eine Volksinitiative verlangt je 18 Wochen bezahlte Elternzeit für beide Elternteile.
Der Frauenstreik braucht eigentlich keine Mobilisierungshilfe. Die landesweiten Demos für die Rechte der Frauen brachten mehrfach Zehntausende Menschen auf die Strassen in Schweizer Städten. Nun haben bürgerliche Nationalräte jedoch den Frauen-Kollektiven einen Steilpass zugespielt: In einem Grundsatzentscheid sprach sich die Kommission für soziale Sicherheit für eine Elternzeit aus – aber nur, wenn die Mütter zugunsten der Väter auf einen Teil ihrer 14-wöchigen Auszeit verzichten. Das Ziel: die Diskussion um die kürzlich lancierte Volksinitiative für eine je 18-wöchige Elternzeit für Mütter und Väter in eine andere Richtung zu lenken.
«Hände weg vom Mutterschutz» dürfte deshalb auf vielen Transparenten stehen, die Frauen am Samstag in zwei Dutzend Schweizer Städten durch die Strassen tragen werden. Doch nicht alle Frauen sehen das so. Die Promotorinnen der genannten Initiative zum Beispiel sind überzeugt, dass die Väter von Geburt an stärker einbezogen werden müssen, um Frauen trotz Familie ein gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen. Wieder andere sind ganz grundsätzlich gegen einen Ausbau der Elternzeit. Die Debatte wirft die Frage auf, was eigentlich ein gutes Leben ist – und was die Gleichberechtigung damit zu tun hat.
Vier Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebensmodellen und Ansichten erzählen.
Sibylle Stillhart: «Fühlte mich nie als Opfer, wenn ich die Kinder betreute»

Sibylle Stillhart dachte immer, alles sei möglich, wenn man nur wolle: Kinder, Karriere, Paarglück. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes bekam dieses Bild Risse. «Ich gab meinen Sohn mit sechs Monaten in die Kita. Das brach mir fast das Herz. Aber ich machte es, weil ich modern und emanzipiert sein wollte», erzählt die 51-jährige Journalistin und Buchautorin. Sie arbeitete zu dieser Zeit in einer Kommunikationsabteilung der Bundesverwaltung. Zwei Jahre später kam der zweite Sohn auf die Welt, ihre Doppelbelastung stieg, «aber ich machte trotzdem weiter».
Bis es irgendwann nicht mehr ging.
«Ich merkte, wenn ich so weitermache, werde zuerst ich krank und dann die ganze Familie.» Stillhart kündigte ihren Job. Bald kam der dritte Sohn. Und mit ihm stieg Stillharts Arbeitspensum daheim weiter an. Sie leistete mindestens 60 Stunden pro Woche Fürsorge- und Hausarbeit, während ihr Mann im Beruf Karriere machte. Mit jeder Beförderung habe sich eine gleichberechtigte Aufteilung der Care- und Erwerbsarbeit weniger gelohnt, sagt Stillhart. Natürlich habe sie manchmal auch Wut gespürt über diese ungleiche Entwicklung, sagt sie. Gleichzeitig verschob sich ihr Fokus zunehmend auf die Familie, und sie begann, Bücher zu schreiben. Das war eine Arbeit, die sie erfüllte und die sie jederzeit unterbrechen konnte. «Ich fühlte mich nie als Opfer, wenn ich die Kinder betreute», sagt sie.
Doch die Gesellschaft gab ihr andere Zeichen. «Wer mit der Erwerbsarbeit aufhört, wird sofort in die ambitionslose SVP-Hausmutter-Ecke gestellt», so Stillhart. Sie fordert ein Umdenken: «Das Kinderaufziehen darf nicht mehr als Hobby der Frauen betrachtet werden. Diese Arbeit gehört in die Mitte der Gesellschaft.» Heute verdienten die Frauen in der Schweiz jedes Jahr 100 Milliarden Franken weniger als die Männer – «obwohl sie gleich viel arbeiten». Sie hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, in dem sie einen staatlichen Lohn für die Haus- und Familienarbeit fordert. Ohne die unbezahlte Arbeit, die mehrheitlich Frauen bewältigten, würde die Wirtschaft zusammenbrechen, sagt sie. Doch bezahlte Familienarbeit ist eine Forderung, die politisch chancenlos ist.
Ob sie sich auch ohne Sorgearbeitslohn noch einmal gleich entscheiden würde? Stillhart antwortet mit einer rhetorischen Gegenfrage: «Was ist mir wohl wichtiger, eine Karriere, an die sich zehn Jahre nach meinem Tod niemand mehr erinnern wird, oder meine Kinder?»
Lena Käsermann: «Entweder man beutet sich selbst aus oder man macht sich abhängig»

Für Lena Käsermann stellt sich diese Frage so nicht. Die 27-Jährige ist Mutter einer dreijährigen Tochter, Autorin, Kulturschaffende und Co-Leiterin des Jugend- und Kulturzentrums Gaskessel in Bern. Sie arbeitet in einer Teilzeitanstellung und ist freischaffend tätig. Die Kinderbetreuung teilt sie sich mit dem Kindsvater, der Kita und der Grossmutter. «Muttersein ist für mich eine tragende Rolle, aber sie definiert mich nicht als Ganzes», sagt sie. Es sei ihr wichtig, genau dies auch ihrer Tochter vorzuleben: «Ich möchte auch als Mutter mir selbst gerecht werden. Sodass auch sie später einmal sich selbst gerecht werden kann.»
Dafür bezahlt Lena Käsermann einen hohen Preis, wie sie sagt. «Es heisst immer, es sei möglich, Kind und Karriere zu haben», so die junge Mutter. «Doch niemand sagt dir, zu welchen Bedingungen. Und wers nicht schafft, ist selber schuld.» Für Eltern, die arbeiteten und das Kind aus der Kita holten, beginne dann die zweite Schicht des Tages.
In der Schweiz hätten die Frauen, die Kinder wollten, momentan zwei Optionen, sagt sie: «Entweder sie beuten sich selber aus oder sie machen sich finanziell von jemand anderem abhängig.» Für Lena Käsermann sind das keine gangbaren Wege. Auch sie fordert, dass Eltern, die Care-Arbeit leisten, dafür einen Lohn erhalten. Weiter brauche es einen vorgeburtlichen Mutterschutz für Schwangere und einen Ausbau der Elternzeit für alle Elternteile.
«Ich habe keine Lust, mich gegen ein weiteres Kind entscheiden zu müssen, weil die Politik keine machbaren Bedingungen schafft.» In Zeiten, in denen die Geburtenraten sinken und die Politik händeringend nach Lösungen sucht, um den Fachkräftemangel auszugleichen, sind solche Sätze eine Kampfansage.
Nina Fehr Düsel: «Mit meinem Mann auf Augenhöhe»

Zum Beispiel an die Adresse von SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel. Sie stimmte für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, aber einen grossflächigen Ausbau der Elternzeit oder die Bezahlung der Care-Arbeit lehnt sie ab. «Es stört mich etwas, dass gewisse Kreise einfach immer mehr fordern», sagt sie. Aus ihrer Sicht hat sich in der Schweiz punkto Gleichstellung bereits sehr viel verändert. Noch vor zehn Jahren habe sie sich in bürgerlichen Kreisen als Frau manchmal benachteiligt gefühlt. «Das ist mittlerweile vorbei.»
Fehr Düsel beobachtet in ihrem Umfeld, dass viele Paare heute bereits vor der Geburt die Arbeitsteilung diskutieren. Auch sie habe frühzeitig mit ihrem Partner das Gespräch gesucht. «Für mich wäre ein Mann, der weiterhin 120 Prozent arbeitet und dafür womöglich noch reisen muss, nicht als Vater infrage gekommen», sagt sie. Doch jede und jeder soll das Modell selber wählen.
Die 44-Jährige hat selber zwei Kinder. Nach der Geburt des ersten Kindes reduzierten sie und ihr Mann beide das Erwerbsarbeitspensum auf 70 Prozent. Zudem springen in ihrem Betreuungsmodell regelmässig die Grosseltern ein. «Natürlich war es auch Glück, dass unsere Arbeitgeber sich so flexibel zeigten.» Flexible Arbeitgeber seien viel wirksamer als ein Hausfrauenlohn, wie das gewisse Kreise verlangten, sagt Fehr Düsel.
Sie ist nicht nur Mutter und Juristin, sondern seit zwei Jahren auch Nationalrätin. Dieses Amt bedeutet viermal im Jahr drei Wochen Ausnahmezustand für die ganze Familie: «Wenn ich in Bern bin, übernimmt mein Umfeld daheim», sagt sie. Ihr Modell wäre ohne pragmatische Lösungen nicht möglich: «Ich kaufe den Geburtstagskuchen halt mal.»
Es gebe schon viel zu organisieren, sagt Nina Fehr Düsel. «Das klassische Rollenmodell, bei dem die Frau daheim alles erledigt und der Mann das Geld nach Hause bringt, wäre manchmal einfacher.» Doch für sie und ihren Mann komme das trotzdem nicht infrage. «Ich möchte mit meinem Mann auf Augenhöhe sein und bin gut gefahren damit.»
Lisa Mazzone: «Es ist kein Naturgesetz, dass die Frau daheim alles übernimmt»

Es ist ein Satz, den die Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone wohl unterschreiben würde – auch wenn sie ganz andere Schlussfolgerungen daraus zieht. Die ehemalige Genfer Ständerätin hat zwei Söhne. Sie und ihr Partner arbeiten beide in Pensen von 80 bis 90 Prozent und teilen sich die Betreuungs- und Hausarbeitsaufgaben. Neben ihrem Präsidiumsamt hat Mazzone einige Mandate in Verbänden. Ihre Jobs erlauben es ihr, die Zeit flexibel einzuteilen. «Ich arbeite oft am Wochenende und abends.»
Das alles funktioniere nur, weil sie und ihr Partner dasselbe Ziel verfolgten: eine gleichberechtigte Partner- und Elternschaft, in der sich beide Teile inner- und ausserhalb der Familie entfalten könnten. Ein Lohn für Haus- und Care-Arbeit wäre deshalb der falsche Weg, sagt Mazzone. «Ich trage meinen Teil der Verantwortung in der Familie mit viel Hingabe, aber mein Leben ausserhalb der Familie ist mir ebenso wichtig.» Sie kenne das nicht anders, sagt sie und erzählt von ihrer Grossmutter, die Physikerin war, und von ihrer Mutter, die mit zwei Kindern Medizin studierte. Mazzone argumentiert auch ökonomisch, mit Altersarmut von Frauen, die auf Kosten ihrer Rente die Familienarbeit übernähmen.
Doch auch ihr Alltag gleiche oft einem Kampf gegen gesellschaftliche Windmühlen, sagt die 37-Jährige. Das beginne schon in der Geburtsklinik: «Dort geht man als gleichberechtigtes Paar rein und kommt als traditionelles Paar raus.» Alles sei darauf ausgerichtet, die Mutter in ihrer Mutterrolle zu verhaften, während Väter richtiggehend darum kämpfen müssten, eine Pensumsreduktion zu bekommen und dafür mehr Zeit für die Arbeit daheim zu haben. Aufgrund des lächerlich kurzen Vaterschaftsurlaubs verfestigten sich diese Muster. «Es ist kein Naturgesetz, dass die Mutter daheim einfach alles übernimmt.»
Mazzone hat deshalb mit Gleichgesinnten die Volksinitiative für eine Familienzeit – je 18 Wochen bezahlter Elternurlaub für Väter und Mütter – lanciert. Nicht allen Feministinnen gefällt diese Initiative. Die Kritikerinnen befürchten, dass durch die Gleichsetzung der Bedürfnisse von Müttern und Vätern am Ende der Mutterschutz geschwächt werden könnte. Lisa Mazzone kann dies nicht nachvollziehen. «Im Gegenteil: Der Mutterschaftsurlaub wird verlängert», sagt sie. Doch es sei klar, dass auch die Männer Verantwortung übernehmen müssten.