tagesanzeiger, 9. Juli 2025

Jährlich lassen sich zwei bis drei Dutzend Teenager operativ die Brüste entfernen. Nationalrätin Nina Fehr Düsel will dies stoppen – der Kulturkampf erreicht Bundesbern.

Nina Fehr Düsel von der SVP steht in einem Raum mit Pflanzen am 18. Dezember 2023 in Bern.

SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel will Natalie Ricklis Forderung ins nationale Parlament einbringen.
Foto: Raphael Moser

 

Ab welchem Zeitpunkt darf ein Mensch zum Schluss kommen, dass er im falschen Körper geboren wurde, und diesen Umstand chirurgisch beheben lassen? Die Zürcher SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli findet: frühestens ab 18 Jahren. An einer Medienkonferenz am Montag forderte die Gesundheitsdirektorin den Bund öffentlich dazu auf, ein nationales Verbot von sogenannten geschlechtsangleichenden Operationen für Minderjährige zu prüfen.

Rickli setzt damit ein Thema auf die Agenda, das in anderen westlichen Ländern – insbesondere den USA und Grossbritannien – bereits seit Jahren für heftige politische Diskussionen sorgt. Wie kaum ein anderes gesellschaftliches Thema fordert der Umgang mit trans Menschen die traditionellen Vorstellungen von Geschlecht, Identität und Normen heraus. Die Thematik ist deshalb auch zum Symbol im tobenden Kulturkampf geworden.

Teilnehmer der Pride-Demo in Zürich in bunten Kostümen umarmen sich. Menschen mit Regenbogenflaggen und ausgefallenen Frisuren feiern auf der Strasse.
Der Umgang mit Genderfluidität, hier an der Pride-Demo in Zürich Ende Juni, ist auch in der Schweiz zum Politikum geworden.
Foto: Jonathan Labusch

Was den Zugang zu operativen Eingriffen für trans Jugendliche betrifft, haben auch Länder wie Finnland, Dänemark oder Schweden in den letzten Jahren gesetzliche Schranken erlassen. In der Schweiz ist die Rechtslage derweil weiterhin offen. Hier liegt es in der Verantwortung der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, ob ein Teenager sich einem solchen Eingriff unterziehen darf.

«Eine Frage des Jugendschutzes»

Nun wird ein Verbot von geschlechtsangleichenden Operationen für trans Jugendliche aber auch im Bundeshaus zum Thema. «Es ist höchste Zeit, dass wir uns in der Politik damit auseinandersetzen», sagt die Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel. Sie will in der kommenden Herbstsession einen Vorstoss zum Thema einreichen.

Für Fehr Düsel geht es hier vor allem um die Frage des Jugendschutzes. Dass Jugendliche in der Pubertät oft Mühe mit ihrem Körper bekundeten und verunsichert seien, sei normal. Eine solche «Identitätskrise» mit einem irreversiblen operativen Eingriff zu lösen, könne aber keine Lösung sein, sagt Fehr Düsel. Die Folgen einer solch extremen Entscheidung seien für Jugendliche noch kaum abschätzbar. «Wer dann im Alter von 18 Jahren immer noch der Meinung ist, im falschen Körper zu leben, kann sich immer noch operieren lassen», sagt die Juristin.

Die Zürcher SVP-Nationalrätin glaubt, dass eine strengere Regulierung von Transgender-Operationen bei Jugendlichen bis weit ins bürgerliche Lager mitgetragen wird. Für ihren Vorstoss will sie deshalb auch bei den Fraktionen von FDP und Mitte um Mitunterzeichnende werben. Fehr Düsel bestreitet, dass es darum gehe, das ethisch sensible Thema politisch auszuschlachten: «Wir brauchen eine möglichst breit getragene Lösung, die den Jugendschutz in den Vordergrund stellt.»

Nur wenige Spitäler führen Operationen durch

Bei jedem neuen Gesetzesprojekt stellt sich die Frage: Wie gross ist überhaupt die Betroffenheit? Daten des Bundesamts für Statistik zeigen, dass in der Schweiz jährlich eine tiefe zweistellige Zahl von trans Jugendlichen sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzieht. In den letzten sechs Jahren handelte es sich dabei ausschliesslich um junge Personen biologisch weiblichen Geschlechts, die sich die Brüste entfernen liessen. Operationen an den primären Geschlechtsteilen vor dem 18. Lebensjahr sind in der Schweiz – auch auf Anraten der nationalen Ethikkommission – ein Tabu. 

Beim Universitätsspital Zürich hat Rickli Anfang 2024 erwirkt, dass geschlechtsangleichende Operationen für Jugendliche nur noch in absoluten Ausnahmefällen vollzogen werden. Die Zahl der Eingriffe ging daraufhin stark zurück – von 14 im Jahr 2023 auf 4 im Jahr 2024.

Neben dem Unispital Zürich zählen auch das Unispital Basel sowie die beiden Kantonsspitäler in Luzern und Zug zu den schweizweit wenigen Fachzentren, die geschlechtsangleichende Operationen anbieten. Allerdings nehmen bereits heute nicht alle spezialisierten Spitäler minderjährige Patientinnen und Patienten auf. «Das Universitätsspital Basel behandelt nur Erwachsene», stellt etwa die Mediensprecherin des Unispitals auf Anfrage klar.

Bundesrat ist skeptisch gegenüber Regulierung

Während die Forderung nach einem generellen Verbot von geschlechtsangleichenden Operationen für Jugendliche in Bundesbern neu ist, gibt es bereits einen Vorstoss, der mehr Regulierung fordert. EVP-Nationalrat Marc Jost hat gemeinsam mit Mitunterzeichnen von Mitte, FDP und SVP gefordert, dass die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften in diesem Bereich klare Richtlinien schafft.

Bundesrätin Elisabeth Baume Schneider im Gespräch in ihrem Büro in Bern, gestikulierend während eines Interviews, umgeben von Kunstwerken.
Das Departement von SP-Bundesrätin Elisabeth Baume Schneider äusserste sich bisher skeptisch gegenüber strengeren Regulierungen von geschlechtsangleichenden Operationen.
Foto: Franziska Rothenbühler

Das Departement von Elisabeth Baume-Schneider (SP) stand einer strengeren Regulierung aber bisher skeptisch gegenüber. «Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, sich an die Regeln der ärztlichen Kunst zu halten, Nutzen und Risiken einer Therapieform sorgfältig gegeneinander abzuwägen und stets im Interesse des Patienten oder der Patientin zu handeln und dessen oder deren Wohl ins Zentrum zu stellen», heisst es in der Antwort auf den Vorstoss. Die Motion, die vom Bundesrat zur Ablehnung empfohlen wurde, ist seit über einem Jahr hängig und wurde bisher nicht traktandiert.

Neben dem Bundesrat stellen sich auch die Juso klar gegen die Forderung einer strengeren Regulierung. «Trans Jugendliche brauchen Schutz nicht vor sich selbst, sondern vor rechter Symbolpolitik», halten die Juso Kanton Zürich als Reaktion auf Natalie Ricklis Kontroverse in einem Communiqué fest. «Was als Sorge um Minderjährige verkauft wird, ist in Wahrheit ein Angriff auf die körperliche Selbstbestimmung von trans Menschen», so Silas Muggli, Co-Präsident der Partei.  Die Juso fordern Rickli auf, den Zugang zur Gesundheitsversorgung für trans Menschen zu sichern – auch für Jugendliche.