Trans-Organisationen mobilisieren gegen ein Verbot von Operationen bei Minderjährigen. Ärzte kritisieren derweil ihren Einfluss auf junge Menschen.
Hellblau, Rosa, Weiss: Das sind die Farben der Trans-Community.
Es ist Freitagabend. Etwa hundert Menschen stehen in Grüppchen auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Manche haben eine weiss-hellblau-rosa gestreifte Fahne um die Schultern geschlungen, die Fahne der Trans-Community. Andere knien bei einem grossen Papier, das am Boden klebt, nieder und schreiben mit Filzstift ihren Namen darauf. Es ist ein übergrosser Brief an den Zürcher Regierungsrat.
«Unterschreibt bitte den Brief», ruft ein junger Mann ins Mikrofon. «Wir werden ihn Natalie Rickli in den Briefkasten werfen.» Das Mikrofon quietscht unangenehm schrill. Es ist keine grosse Demo hier. Eher eine improvisierte Aktion. Aber den Menschen, die hier sind, ist es ernst.
Ihr Ärger richtet sich gegen die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP). Sie hat den Bund diese Woche aufgefordert, ein Verbot von Operationen bei minderjährigen Transmenschen zu prüfen. Im Kanton Zürich hat sie die Spitäler bereits vor einem Jahr aufgefordert, Operationen bei Minderjährigen nur «äusserst zurückhaltend» und mit Zustimmung der Eltern durchzuführen. In der Folge sank die Zahl der Eingriffe bei Minderjährigen von vierzehn im Jahr 2023 auf vier im vergangenen Jahr. Ricklis Ziel aber ist null.

Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli.
Natalie Rickli ist nicht die einzige SVP-Politikerin, die sich des Themas angenommen hat. Nur wenige Tage nach der Pressekonferenz der Zürcher Gesundheitsdirektion doppelte die SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel nach. Sie will im Bundeshaus ein nationales Verbot von Operationen bei Minderjährigen erwirken, wie sie dem «Tages-Anzeiger» erzählte. Die beiden Frauen haben sich abgestimmt. Beide argumentieren mit dem Schutz der Kinder.
Auch der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) mischt sich in die Debatte ein. Er sagt: «Ich würde ein nationales Verbot von Operationen bei minderjährigen Transmenschen begrüssen.» Schnegg hat die Spitäler im Kanton Bern bereits im Februar per Brief angewiesen, nur volljährige Transmenschen zu operieren. «In Bern haben wir seit Februar Regeln», sagt er. Aber: «Die Jugendlichen können nach wie vor in einen anderen Kanton ausweichen. Auch deshalb scheint mir eine schweizweite Regelung sinnvoll.»
Chats für Jugendliche
Auf dem Helvetiaplatz in Zürich buht die Menge. Ein Mann mit vollem Haar greift zum Mikrofon. «Sie wollen uns in Panik versetzen», ruft er. «Sie wollen uns zeigen, dass sie uns ohne Grund unsere Rechte wegnehmen können.» Man stehe erst am Anfang. Die Rechten zielten zuerst auf die Jugendlichen. Dann auf erwachsene Transmenschen. «Wir sehen ja, was in den USA und in Grossbritannien passiert.»

Jann Kraus vom Transgender Network Switzerland.
Der Mann ist Jann Kraus. Er ist aktiv beim Transgender Network Switzerland (TGNS), der Lobbyorganisation für Transmenschen in der Schweiz. Gemeinsam mit dreissig anderen Organisationen hat das TGNS in den vergangenen Tagen über 10 000 Unterschriften für eine Petition gegen den Zürcher Regierungsrat gesammelt.
Das Transgender-Netzwerk ist nicht gross. Es zählt knapp 400 Mitglieder, hat ein Jahresbudget von 280 000 Franken und einen Zutrittsausweis des grünen Nationalrates Nicolas Walder fürs Bundeshaus.
Aber in der Community ist das Netzwerk bekannt. Wenn Menschen, die sich im falschen Körper fühlen, googeln, landen sie unter anderem beim TGNS. Der Verein organisiert Treffen und bietet Rechtsberatungen an. Menschen, die selbst trans sind, beantworten Fragen zu Namenswechsel, Krankenkassen oder Problemen am Arbeitsplatz.
Das Transgender Network hat auch eine Jugendgruppe. Die Jugendlichen tauschen sich meist in Chats auf dem Messenger-Dienst Signal aus. Beitreten kann man ab dreizehn Jahren. Die Jugendlichen erzählen in den Chats von Erlebnissen, stellen Fragen. Moderiert werden die Diskussionen von Aktivisten des Transgender-Netzwerks.
Dass ältere Transmenschen jüngere begleiten und beraten, ist nicht unüblich. Im Kanton Zürich existiert etwa ein Programm mit dem Namen «Du-bist-Du». Jugendliche, die sich in ihrer Geschlechtsidentität unsicher sind, können über eine Website Berater kontaktieren, die jung und trans sind. Ein Berater schreibt in seinem Profil über sich: «Ich identifiziere mich als trans*maskulin und genderfluid und habe endlich das Gefühl, zu mir selbst gefunden zu haben. Schreibe mir doch, wenn du Fragen hast.» Es ist eine Hilfe aus der Community für die Community.
Ärzte sind skeptisch
Manche sehen darin ein wertvolles Angebot für suchende, manchmal verzweifelte Jugendliche. Andere kritisieren die Beratungen als ideologisch gefärbt. Unter ihnen auch Ärzte. Ein Arzt, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagt, in seine Praxis kämen ab und zu Jugendliche, die sich im falschen Körper fühlten. Einige kämen aus solchen Beratungen und verlangten von ihm eine Überweisung an Fachärzte, die ihnen empfohlen worden seien. «Die Jugendlichen werden in einem Netzwerk weitergereicht. Sie sind gefangen in einer Bubble», sagt der Arzt.
Auch Urs Eiholzer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Zürich, warnt vor den «Blasen», in denen sich manche Jugendlichen bewegten. «Stellen Sie sich ein Mädchen in der Pubertät vor, das sich nicht wohlfühlt in seinem Körper. Es geht auf Instagram, Tiktok und landet in entsprechenden Chat-Gruppen.» In dieser Bubble könne das Mädchen leicht hängen bleiben und sich für eine vermeintlich zeitgewinnende Behandlung mit Pubertätsblockern entscheiden. «Aus Studien wissen wir aber, dass auf eine Behandlung mit Pubertätsblockern meist irreversible weitere Schritte folgen.»
Die Behörden unterstützen die Trans-Beratungen. Die Stadt Zürich zahlt dem Transgender Network Switzerland jährlich 40 000 Franken für Rechtsberatungen. Der Kanton Zürich unterstützt das Kompetenzzentrum für sexuelle Gesundheit, das unter anderem das Programm «Du-bist-Du» anbietet, mit jährlich 434 500 Franken.
Die SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel sieht das kritisch. Sie sagt: «Ich finde es sehr wichtig, dass es Beratungsangebote gibt. Aber sie sollten neutral sein.» Diesen Eindruck habe sie nicht immer. «Ich denke, wir sollten bei den Subventionen genauer hinschauen.»
Jann Kraus vom Transgender-Netzwerk sagt, es sei tatsächlich so, dass Beratungen oft innerhalb der Community angeboten würden. «Das ist aber in erster Linie so, weil es kein ausreichendes staatliches Angebot gibt.» Den Vorwurf, dass die Beratungen nicht neutral seien und die Jugendlichen dadurch in eine Blase gerieten, kann er nicht nachvollziehen. «Die Peer-to-Peer-Beratungen sind ein erprobtes Mittel auch in der Jugendarbeit. Aber in der queeren Gemeinschaft werden sie als zweifelhaft dargestellt. Das hat viel mit Vorurteilen zu tun.»
Auf dem Helvetiaplatz in Zürich sind die Reden vorbei. Die Demonstranten – ältere Transfrauen, junge Transmänner, Verbündete – posieren für ein Gruppenfoto. Viele kennen sich. Dann treiben sie langsam auseinander in die abendliche Stadt. Es wird wohl nicht das letzte Treffen gewesen sein.

«Das ist erst der Anfang»: Aktivisten demonstrierten diesen Freitag auf dem Helvetiaplatz in Zürich.