Ist die Sanierung der Bellerivestrasse nur ein Deckmantel für einen Verkehrsversuch? Die Stadt widerspricht vehement.
Für Ärger sorgt bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern, dass der Kanton auf der Seestrasse in den Sommerferien quasi über Nacht das Tempo zwischen Erlenbach und Tiefenbrunnen reduziert hat, von 60 auf 50 Kilometer pro Stunde – und dies ohne vorgängige Information.
Das noch grössere Problem folgt für Automobilisten jedoch jenseits der Stadtgrenze. Dort verengt sich die Bellerivestrasse ab Montag von zwei Spuren auf eine. Auf einer Länge von 1,6 Kilometern. Eineinhalb Jahre lang bleibt dies so.
Ist Schikane am Werk? Auf keinen Fall, beteuern die Verantwortlichen von Kanton und Stadt. Doch bürgerliche Politikerinnen sind skeptisch.
Vorgängige Mitteilung? «Nicht zweckmässig», findet der Kanton
Nina Fehr Düsel, SVP-Nationalrätin aus Küsnacht, sagt, sie habe sehr viele E-Mails aus der Bevölkerung erhalten zur plötzlichen Einführung von Tempo 50. Besonders stört sie, dass die Einführung ohne vorherige Mitteilung durch den Kanton erfolgt sei. «Schon die Ausschreibung des Projekts war von einem Jahr in den Sommerferien – jetzt auch die Einführung des neuen Temporegimes.»
Der Verdacht, dass der Kanton die Einführung möglichst von der Öffentlichkeit unbemerkt habe vollziehen wollen, dränge sich auf.
Tatsächlich hat das kantonale Tiefbauamt unter dem grünen Regierungsrat Martin Neukom auf eine entsprechende Medienmitteilung verzichtet. Es schreibt auf Anfrage: «Auf den Kantonsstrassen kommt es regelmässig zu Signalisationsanpassungen. Diese alle jeweils mit einem Flyer in alle Haushalte zu kommunizieren, wäre weder zweckmässig noch verhältnismässig.» Am wirkungsvollsten und zielführend sei die Information «direkt am Ort des Geschehens». Dies sei an der Seestrasse auch erfolgt.
Eine Argumentation, die Corinne Hoss-Blatter, FDP-Kantonsrätin aus Zollikon, nicht nachvollziehen kann. Für jede Kleinigkeit verschicke der Kanton Medienmitteilungen – dass man dies bei dieser wichtigen Änderung unterlassen habe, sei stossend. Und es würde sie «nicht überraschen», wenn die Kantonspolizei entlang der Strecke bald Radarfallen postieren würde, wie man es in ähnlichen Fällen schon oft erlebt habe.
Hoss-Blatter und Fehr-Düsel haben schon vor zwei Jahren von der Regierung Klarheit über die Pläne an der Seestrasse verlangt. In einer Anfrage im Kantonsrat argumentierten sie, die Temporeduktion werde «sehr nachteilige Auswirkungen» auf die Bevölkerung und vor allem das Gewerbe haben und zu längeren Verkehrszeiten und Verzögerungen führen.
Der Regierungsrat argumentierte damals mit dem Lärmschutz: Die Grenzwerte seien an der Seestrasse fast flächendeckend überschritten. Aufgrund von Gerichtsurteilen zum Lärmschutz sehe man sich rechtlich verpflichtet, Lärmschutzmassnahmen zu ergreifen, sobald man Strassen saniere. Und an der Seestrasse stünden gleich mehrere Sanierungen an. Ein weiterer Vorteil von Tempo 50 aus Sicht des Kantons ist die Vereinheitlichung. «Häufige Tempowechsel werden von den Verkehrsteilnehmenden als störend empfunden.»
Komplizierter ist der Fall Bellerivestrasse. Hier lautet die offizielle Begründung der Stadt, dass eine Sanierung des Untergrunds aufgrund von mehreren Rohrbrüchen unvermeidbar sei.
Die Sperrung hat aber eine Vorgeschichte. Just auf der Bellerivestrasse wollte die Stadt nämlich einen Verkehrsversuch durchführen. Das Ziel: herauszufinden, ob die Strasse mit einer Spur pro Richtung statt heute deren zwei geführt werden kann. Mit dem Ziel, Spuren abzubauen und darauf einen Veloweg zu bauen.
Dieser Verkehrsversuch wurde von der Kantonspolizei verboten, die Stadt opponierte, das Rechtsverfahren läuft.
Nina Fehr Düsel kommt vor allem die lange Dauer der Baustelle an der Bellerivestrasse verdächtig vor. Die Juristin hatte sich mit anderen gegen den Verkehrsversuch der Stadt Zürich eingesetzt. «Jetzt wird der Versuch einfach unter dem Deckmantel Sanierung umgesetzt.» Es sei für sie unverständlich, dass die Bauzeit fast eineinhalb Jahre dauere. Erfahrungsgemäss lasse sich dies mit dem nötigen Willen schneller bewerkstelligen.
Weicher Grund macht das Bauen aufwendig
Auch Corinne Hoss-Blatter taxiert die lange Bauzeit als «sehr erstaunlich». Sie spricht von einem «Bubentrick». Man habe innert kurzer Zeit 11 000 Unterschriften gegen den Verkehrsversuch gesammelt und diesen verhindert. «Jetzt macht es die Stadt auf diese Art.» Hinzu komme, dass sämtliche Abbiege-Möglichkeiten vom Seefeld her zugemacht würden – und dass gleichzeitig der Knotenpunkt Kreuzplatz sowie die Zollikerstrasse saniert werden. All dies seien klare politische Zeichen, dass der rot-grün dominierte Stadtrat die Autos von der Stadt fernhalten wolle.
Das Stadtzürcher Tiefbauamt kontert. Von einer absichtlichen Verzögerung könne keine Rede sein – das Gegenteil sei der Fall. Aber es handle sich mit 1,6 Kilometern um einen grossen Perimeter, auf dem abschnittsweise gearbeitet werden müsse.
Weitere Faktoren machten das Bauen an dieser Lage kompliziert. Der Baugrund sei durch die Seenähe sehr weich, was aufwendige Baumassnahmen erfordere. Ausserdem müsse pro Fahrtrichtung eine Spur stets befahrbar bleiben, was den Platz für Material und Arbeiter begrenzt. Und wegen des Lärmschutzes könne man nur tagsüber arbeiten.
Nicht alle Politiker von der Goldküste sind über die Verkehrseinschränkungen erbost. Thomas Forrer, Grüner Kantonsrat, sagt: «Ich verstehe die Aufregung nicht.»
Forrer, wohnhaft in Erlenbach und gelegentlicher Autofahrer, hat «überhaupt keinen Unterschied» mit dem neuen Temporegime festgestellt. Schon heute könne man auf dieser Strecke selten schneller als 50 Kilometer pro Stunde fahren. Spätabends mit weniger Verkehr sei man zwischen Erlenbach und Tiefenbrunnen schlimmstenfalls eineinhalb Minuten länger unterwegs.
Für die Anwohner hingegen bringe die Lärmsanierung, inklusive Flüsterbelag, mehr Lärmschutz. Auch eine Vereinheitlichung des heutigen Flickenteppichs mit wechselnden Tempovorgaben sei angezeigt.
Und die Sanierung der Bellerivestrasse sieht Forrer als Chance. Es sei ein Test. Man werde einen «lebendigen Beweis» erhalten, ob der einspurige Betrieb funktioniere oder nicht. Je nachdem sei dann ein Verkehrsversuch durch die Stadt obsolet – oder eben nicht. Dies müsse man «ergebnisoffen» anschauen, findet Forrer.
Doch bei der Stadt winkt man diesbezüglich ab. Zwar beobachte man wie üblich bei Baustellen die Situation und mache auch Messungen – aber nicht mit Blick auf den Verkehrsversuch. Zumal sich das Baustellen-Verkehrsregime vom Verkehrsversuch unterscheide. Einen Spurabbau von zwei auf eins gibt es in beiden Fällen, aber nicht entlang der gleichen Strecke.
Die Stadt hütet sich davor, die Strassensanierung mit dem Verkehrsversuch zu vermischen. Sie weiss, wie umstritten dieser ist. Doch sie hält nach wie vor daran fest. Sollte sie auf dem Rechtsweg erfolgreich sein, dürfte die Bellerivestrasse im Herbst 2026 nur für ein paar Monate wieder je zweispurig geführt werden. Dann kommt der erneute Spurabbau, dieses Mal aus Versuchsgründen.
