tagesanzeiger.ch, 7. Januar 2026
SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel fordert, dass die Walliser Staatsanwaltschaft das Strafverfahren an Auswärtige überträgt. Andere halten die Forderung zu diesem Zeitpunkt für «unangebracht».
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana beschäftigt nun auch die Bundespolitik. Wenn Ende Woche die Rechtskommission des Nationalrats tagt, wird auch eine Forderung der Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel Thema sein. Sie verlangt, dass unabhängige Ermittler die Strafverfahren nach der Tragödie von Crans-Montana übernehmen sollen. «Ich erwarte eine möglichst gründliche und unabhängige Untersuchung. Eine Staatsanwaltschaft eines anderen Kantons soll das Zepter übernehmen», so Fehr Düsel.
Mitglieder der Rechtskommission hätten sich bereits darüber unterhalten, ob man gemeinsam eine Motion einreichen möchte. «Ich fordere eine schnelle Aufarbeitung, sowohl strafrechtlich als auch politisch», sagt die SVP-Nationalrätin. Die offenen Fragen nach Schadenersatz für Opfer, nach Brandschutzvorschriften und Kontrollen sowie nach einer möglichen Schuld sollen beantwortet werden.

Die SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel fordert eine rasche Aufarbeitung des Brandes von Crans-Montana.
Foto: Urs Jaudas
Brand forderte 40 Tote und 116 Verletzte
«Irritiert» über solche ersten politischen Diskussionen und Forderungen auf nationaler Ebene zeigt sich Barbara Steinemann, ebenfalls Zürcher SVP-Nationalrätin und Präsidentin der Kommission für Rechtsfragen. Sie spricht sich zwar auch für eine ausserkantonale Untersuchung des Vorfalls aus, will den Opfern und Angehörigen aber zuerst Zeit geben, das Geschehene zu verarbeiten. «Jetzt schon damit zu politisieren, ist unangebracht», sagt Steinemann. Einen politischen Vorstoss würde sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht unterstützen.
Die Walliser Staatsanwaltschaft hat eine Strafuntersuchung gegen die Betreiber der Bar Le Constellation in Crans-Montana eröffnet, wo in der Neujahrsnacht ein Brand 40 Tote und 116 Verletzte forderte. Neben den Barbetreibern könnten weitere Personen ins Visier der Ermittelnden geraten – gerade nach der Medienkonferenz der Gemeinde Crans-Montana vom Dienstag. Dort gab Gemeindepräsident Nicolas Féraud zu, nach 2019 hätten in der Bar keine Brandschutzkontrollen mehr stattgefunden. Erklärungen für den Mangel hatte er keine. Inzwischen ist auch eine Anzeige gegen unbekannte Amtsträger der Gemeinde eingegangen wegen «fahrlässiger Tötung, fahrlässiger schwerer Körperverletzung sowie fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst», wie CH Media berichtete.
Wallis könnte Ermittlung zu Brand abgeben
Damit steigt der Druck auch auf die Behörden des Kantons Wallis. Die Aufarbeitung der Brandkatastrophe wird international mit Skepsis verfolgt. Mehrere Todesopfer und Dutzende Verletzte stammen aus anderen Ländern, allen voran Frankreich und Italien. Die Ermittlungen leitet derzeit Staatsanwältin Marie Gretillat, Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud fokussiert vorerst auf die Kommunikation nach aussen.
Eine ausserordentliche Staatsanwältin oder ein ausserordentlicher Staatsanwalt könnte nach Walliser Recht eingesetzt werden, wenn ein Interessenskonflikt vermieden werden müsste oder für das Verfahren vertieftere Kenntnisse und Erfahrung in der Strafverfolgung nötig sind. Das Walliser Büro der Staatsanwaltschaft kann gemäss dem kantonalen Gesetz über die Rechtspflege eine passende Person ernennen und vereidigen.
Zuletzt kam es 2018 dazu: Der Oberstaatsanwalt der Region Oberwallis wurde bezichtigt, eine besondere Nähe zum Fifa-Präsidenten Gianni Infantino zu pflegen, davon zu profitieren und Treffen mit dem Bundesanwalt eingefädelt zu haben. Ein ausserordentlicher Staatsanwalt führte daraufhin die Untersuchung; er stellte das Strafverfahren am Ende ein.
Grünen-Nationalrat will den Opfern der Brandkatastrophe und ihren Familien helfen
Der grüne Waadtländer Nationalrat Raphaël Mahaim mahnt, die Gewaltenteilung einzuhalten. «Bisher hat die Walliser Staatsanwaltschaft nach meinem Wissen gute Arbeit geleistet, und dies unter sehr schwierigen Umständen», sagt der Anwalt und Vizepräsident der Kommission für Rechtsfragen. «Ich schliesse nicht aus, dass es in Zukunft einen Sonderermittler oder zusätzliches Expertenwissen braucht. Aber darüber muss die Justiz entscheiden, nicht die Politik.»

Grünen-Nationalrat Raphaël Mahaim findet: Ob es Sonderermittler brauche, solle die Justiz entscheiden, nicht die Politik.
Foto: CELLA FLORIAN/VQH
Mahaim sieht ganz anderen Handlungsbedarf beim Bund. «Der Schmerz ist noch frisch», sagt er. «Ich will darum eine ‹heilige Allianz› schmieden: eine überparteiliche Anstrengung, den Opfern und ihren Familien zu helfen.» Dem Waadtländer schwebt eine «Lex Crans-Montana» vor, damit die von dem Brand Betroffenen und ihre Angehörigen eine Entschädigung vom Bund erhalten. «Die reguläre Opferhilfe ist sehr nützlich, aber sie ist zu niedrig und zu begrenzt», sagt Mahaim. «Wir können den Opfern nicht zumuten, dass sie fünf bis sieben Jahre warten müssen, bis alle Gerichtsverfahren in diesem komplexen Fall abgeschlossen sind.»
Ebenso nötig sei ein Solidaritätsbeitrag des Bundes an den Kanton Wallis – wie nach dem Bergsturz von Blatten, als das Parlament fünf Millionen Franken bereitstellte. Die Hilfe sollen allenfalls auch andere Kantone in Anspruch nehmen können – etwa die Waadt und Zürich, die beide sofort Opfer mit schweren Brandverletzungen aus Crans-Montana in ihren Spitälern aufnahmen.