tagesanzeiger.ch, 17.1.2026

Während im Albisgüetli gegen die «Brüsseler Bürokratie» gewettert wird, laufen hinter den Kulissen Personalgespräche. Stockers Rückzug gilt als fix. Eine Findungskommission hat vorgearbeitet, Namen kursieren – einer sticht heraus.

Ein Redner hält ein rotes Plakat mit der Aufschrift ’Bewahren, was wir lieben’ und einem Schweizer Kreuz auf der Bühne der Albisgüetlitagung 2026. Im Hintergrund ist ein Banner der SVP sichtbar.
«Bewahren» will die SVP nicht nur die Neutralität und Eigenständigkeit der Schweiz. Wenn es nach Domenik Ledergerber geht, sollen auch die zwei Zürcher Regierungsratssitze bleiben.
Foto: Boris Müller

 

Unter dem Motto «Bewahren, was wir lieben» hat die SVP am Freitagabend im Zürcher Schützenhaus Albisgüetli das politische Jahr eröffnet. Während auf der Bühne Alt-Nationalrat Roger Köppel und der Präsident der SVP Kanton Zürich, Domenik Ledergerber, vor einem EU-Beitritt warnten – «Nein zum Brüsseler Bürokratiemonster!» –, drehte sich im Saal das Gespräch auch um die Politik im Kanton Zürich.

Ein Mann in Anzug spricht in ein Mikrofon auf einer Bühne bei der Albisgüetlitagung 2026, umgeben von uniformierten Personen im Hintergrund.
Roger Köppel schiesst in seiner Rede auf der Bühne im Zürcher Schützenhaus Albisgüetli gegen die EU.
Foto: Boris Müller

Eine Gruppe von lächelnden Männern in Anzügen steht in einem belebten Raum, einer trägt eine Krawatte.
Über 1000 SVP-Mitglieder nahmen an der Albisgüetli-Tagung 2026 teil. Darunter auch Bundespräsident Guy Parmelin.
Foto: Boris Müller

Zwar werden Parlament und Regierungsrat erst am 4. April 2027 neu gewählt, doch  spätestens seit SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr angekündigt hat, dass sie keine weitere Amtszeit anstrebt, ist der Wahlkampf eröffnet.

Die SVP ist nicht nur die grösste Partei im Kanton Zürich, sondern auch die einzige mit zwei Regierungsräten. Das soll auch so bleiben.

Offiziell haben sich Finanzdirektor Ernst Stocker und Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli noch nicht zu ihrer Zukunft geäussert.  Das tun sie auch am Freitag im Albisgüetli nicht. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Finanzdirektor Stocker nicht mehr zur Wiederwahl antreten wird. Eigentlich hätte für den bald 71-Jährigen schon 2023 Schluss sein sollen. Doch seine Partei bekniete ihn, noch eine Legislatur anzuhängen – sie hatte keinen Nachfolger gefunden.

Drei Männer in Anzügen schütteln sich die Hände in einem formellen Veranstaltungsraum.
Regierungsrat Ernst Stocker und Nationalrat Mauro Tuena (von links) schütteln im Albisgüetli viele Hände.
Foto: Boris Müller

Das hat sich nun geändert: «Wir sind in einer guten Situation, die Auswahl möglicher Regierungsratskandidatinnen und -kandidaten ist gross», sagt ein gut aufgelegter Stocker. 

Natalie Rickli will zu einem späteren Zeitpunkt bekannt geben, ob sie nochmals antritt. Aber es wäre eine Überraschung, wenn sie das nicht täte. Immer vorausgesetzt, dass sich im Bundesrat keine SVP-Vakanz auftut.

Eine Gruppe von Menschen sitzt an einem Tisch und unterhält sich angeregt auf einer Veranstaltung. Gläser und Flaschen stehen auf dem Tisch.
Ein Bundesrat und seine Nachfolgerin? Bundespräsident Guy Parmelin im Gespräch mit der Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli.
Foto: Boris Müller

Wie Parteipräsident Domenik Ledergerber auf Anfrage bestätigt, hat eine Findungskommission unter der Leitung von Alt-Kantonsrat Roger Liebi ihre Arbeit bereits abgeschlossen. Als Nächstes sei es an der Parteileitung, die Vorschläge abzusegnen. Namen nennt Ledergerber keine.

Für Nina Fehr Düsel ist der Zeitpunkt «verfrüht»

Gut möglich, dass Stockers Nachfolgerin oder Nachfolger in Bundesbern zu finden ist. Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt: Nationale Bekanntheit und Wahlkampferfahrung sind auch im kantonalen Exekutiv-Wahlkampf von Vorteil.

Viele aus der SVP-Fraktion winken jedoch bereits ab. Bruno Walliser etwa will sich weiterhin auf sein Mandat als Nationalrat konzentrieren. Benjamin Fischer sagt, persönlich habe er mit Beruf und Nationalrat genug zu tun und sei damit auch zufrieden. Für Therese Schläpfer ist eine Kandidatur ebenfalls kein Thema. Ebenso wenig für Martin Haab. Einerseits aus Altersgründen; Haab wird nächstes Jahr 65. Andererseits will sich der Präsident des Zürcher Bauernverbands im Nationalrat weiter der Agrarpolitik widmen.

Ein Mann in einer Tarnuniform steht inmitten einer Gruppe von Menschen auf einer Veranstaltung.
Tenü grün: Benjamin Fischer hat auch ohne Regierungsratskandidatur genug zu tun.
Foto: Boris Müller

Interesse signalisiert dagegen Nina Fehr Düsel. «Dieses spannende und verantwortungsvolle Amt reizt mich», sagt die Küsnachterin. Sie habe auch bereits Gespräche mit der Findungskommission gehabt, auch in der Bevölkerung werde sie oft darauf angesprochen. Allerdings, so die Juristin, sei für sie der Zeitpunkt momentan «etwas verfrüht» – wegen ihrer Familie und ihrer Arbeit in der Versicherungsbranche. «Ich könnte mir aber in Zukunft ein solches vielseitiges Exekutivamt sehr gut vorstellen.»

Frau mit dunklem Haar in einem grauen Blazer steht lächelnd in einem belebten Raum mit Tischen und Gästen im Hintergrund.
Das Regierungsratsamt reizt Nina Fehr Düsel.
Foto: Boris Müller

«Solange Ernst Stocker nicht offiziell zurückgetreten ist, werde ich mich nicht zu dieser Sache äussern», sagt derweil Mauro Tuena. Eine Absage klingt anders? Ein grundsätzliches Interesse am Exekutivamt verneint der Nationalrat mit breitem Grinsen auf dem Gesicht denn auch nicht.

Martin Hübscher scheint Favorit, zögert aber noch

Der Name, der am Freitagabend am häufigsten fällt, ist jener von Nationalrat Martin Hübscher. Wie Stocker ist auch der 56-Jährige als Landwirt tätig. Als ehemaliger Kantonsrat kennt er die Zürcher Politik bestens. Exekutiverfahrung hat der in Wiesendangen wohnhafte Hübscher bisher allerdings keine

Eine ältere Frau im blauen Schal spricht mit einem Mann in einem grauen Anzug in einem Veranstaltungsraum.
Magdalena Martullo-Blocher im Gespräch mit dem Maurmer SVP-Politiker Rico Vontobel.
Foto: Boris Müller

Für die Anwesenden am Freitag zählen aber ohnehin andere Fähigkeiten: «geerdet» und «volksnah» müsse ein SVP-Regierungsrat sein, finden sie, und es brauche «Durchsetzungsstärke» und «Gestaltungswille». Eigenschaften, die Martin Hübscher allesamt mitbringe, findet Magdalena Martullo-Blocher. «Ich kann ja im Kanton Zürich leider nicht gewählt werden, sonst müsste ich das auch noch machen.»

Martin Huebscher spricht im Zürcher Kantonsrat über die PUK Datenaffäre, 3. Juli 2023.
SVP-Nationalrat Martin Hübscher war bis 2023 Kantonsrat und gilt als Favorit für die Nachfolge von Ernst Stocker.
Foto: Urs Jaudas

Hübscher selbst fehlt am Freitag. Er musste die Teilnahme an der Albisgüetli-Tagung kurzfristig aus familiären Gründen absagen. Auf Anfrage bestätigt er jedoch, dass die Findungskommission ihn angehört habe. Sein Entscheid für oder gegen eine Kandidatur stehe aber noch aus.

Tobias Weidmann nimmt sich aus dem Rennen

Ein zweiter Name, der in der Zürcher SVP kursiert, wenn es um die Nachfolge von Ernst Stocker geht, ist jener von Tobias Weidmann. Der Hettlinger ist aktuell Fraktionspräsident der SVP im Kantonsrat – und glücklich in dieser Position, wie er sagt. Weidmann nimmt sich am Freitag selbst aus dem Rennen: «Ich hege keine Ambitionen.»

Mann in Anzug mit Brille und roter Anstecknadel lächelt in einer Menschenmenge.
Der Fraktionspräsident der SVP im Kantonsrat, Tobias Weidmann, möchte nicht Regierungsrat werden.
Foto: Boris Müller

Nach dem Auftakt im Albisgüetli scheint das SVP-Ticket also relativ klar. Bei der SP hat sich mit Priska Seiler Graf ebenfalls bereits eine Favoritin für die Nachfolge von Jacqueline Fehr in Stellung gebracht. Wie es bei den anderen Parteien weitergeht, ist noch offen. Die anderen vier Regierungsratsmitglieder sagen auf Anfrage, dass sie sich zu einem späteren Zeitpunkt zu den Wahlen 2027 äussern werden.