Thalwiler Anzeiger, 17. März 2026
Ernst Stocker «Jetzt reichts», sagt der SVP-Regierungsrat. Nächstes Jahr tritt er ab. Im Gespräch äussert er sich zur 10-Millionen-Initiative, zur leeren Bahnhofstrasse und zu seiner Nachfolge.
Ernst Stocker erwartet uns in seinem Büro. Darin hängen Bilder, das grösste zeigt ein Steindach einer Berghütte. Auffallend ist ein hölzernes Bootssteuerrad. «Winfried Kretschmann hat es mir überreicht», sagt Stocker. Die Vorsitzenden der Bodenseekonferenz erhalten das Steuerrad und geben es nach der einjährigen Amtszeit weiter.
Kretschmann ist seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg und tritt demnächst ab. Stocker ist ein Jahr länger Zürcher Regierungsrat und kündigt ebenfalls seinen Abgang an – nachdem der Wädenswiler auf Bitten der SVP vier Jahre länger im Amt geblieben ist als geplant.
Herr Stocker, Sie feiern im kantonalen Wahlmonat April 2027 den 72. Geburtstag. Hängen Sie noch eine Legislatur an?
Nein, jetzt reichts. Ich stelle mich nicht mehr zur Wahl.
Wurden Sie nochmals angefragt?
Es gab Leute, die mich ernsthaft gefragt haben, ja.
Ihre Frau sicher nicht, sie hatte ja schon Mühe mit Ihrem Entscheid, vier Jahre länger als geplant weiterzumachen.
Nein, mit ihr hatte ich eine klare Abmachung. Ich hoffe, sie bereut es nicht, wenn ich bald öfter zu Hause bin. Aber es dauert ja noch ein Jahr.
Höchste Zeit für eine Bilanz: Wie ist der Zustand der Zürcher Finanzen nach über zehn Jahren Ernst Stocker als Kassenwart?
Wir haben eine starke Wirtschaft, tiefe Arbeitslosigkeit und innovative Firmen. Und auch die Zahlen stimmen: Fürs letzte Jahr schreibt der Kanton ein Plus von 727 Millionen Franken. Das freut mich sehr.
Riesige Überschüsse sind die Regel, aber der Finanzdirektor drosselt bei den Investitionen und will die Steuern nicht senken. Läge nicht mehr drin?
In den letzten zwei Jahren ist die Verschuldung um rund 500 Millionen gestiegen. Diese können wir jetzt ausgleichen. Ich bin der Ansicht, dass wir uns in guten Zeiten Handlungsspielraum verschaffen müssen, den wir in schlechteren Phasen brauchen – zum Beispiel, um mit staatlichen Aufträgen die Wirtschaft anzukurbeln und Arbeitsplätze zu erhalten.
Kürzlich hat eine Mitte-rechts-Koalition im Kantonsrat den Steuerfuss um 3 Prozentpunkte gesenkt – gegen den Willen der bürgerlichen Regierung. Was ist da los?
Wir haben uns ja nicht gewehrt. Ich habe im Kantonsrat gesagt, man kann es wagen. Zentral ist für mich die Glaubwürdigkeit. Ich kann nicht Investitionen zurückschieben und gleichzeitig die Steuern senken.
Bürgerliche Kreise sprechen von der Steuerhölle Zürich, vor allem bei den Unternehmen.
Der Regierungsrat und ich wollten den Gewinnsteuersatz senken. Das Volk stimmte letztes Jahr dagegen, das muss man respektieren.
Die Kostenentwicklung des Kantons ist auffällig: Ihr erstes Budget 2016 verzeichnete einen Aufwand von 15 Milliarden Franken. 2026 sind es über 20 Milliarden – ein Drittel mehr. Die Teuerung betrug in dieser Periode 8 Prozent, die Bevölkerung stieg um 11 Prozent. Da stimmt doch etwas nicht?
Haupttreiberin für die Mehrkosten ist die Bildung: Zürich ist ein relativ junger Kanton, wir haben sehr viele Schülerinnen und Schüler sowie Studierende. Andere Bereiche sind die Gesundheit, die Sicherheit, die Digitalisierung oder der Asylbereich. Und nicht zu vergessen: Wenn selbstständige Anstalten wie das Unispital mehr Umsatz machen, steigt auch unser Haushalt. Die Anstalten werden voll eingerechnet.
Die Kosten stiegen aber überproportional.
Es gibt auch andere Faktoren. Rund 500 Millionen müssen wir den Gemeinden für Heimtaxen zurückerstatten, beim Strassenunterhalt und bei den AHV/IV-Zusatzleistungen wurden Kosten von den Gemeinden an den Kanton übertragen. Es wird viel bestellt – vom Parlament und vom Stimmvolk. Die Ansprüche sind hoch.
Zürich war einer der wenigen Kantone, die für die Individualbesteuerung waren. Wie wird Zürich diese umsetzen? Und wie hoch werden die Ausfälle sein?
Das ist offen. Zürich hat eine starke Progression. Der Aargau mit einer ähnlichen Ausgangslage sprach von Ausfällen von 500 Millionen.
Das würde für Zürich deutlich mehr als 1 Milliarde bedeuten.
Wie gesagt, stehen wir erst am Anfang. Sicher ist: Einen neuen Steuertarif zu gestalten, wird eine Herausforderung. Das Volk wird darüber abstimmen. Interessant sind übrigens die Erfahrungen in Liechtenstein.
Wie läuft es dort?
Laut der Regierungschefin darf ein Paar bei der Heirat wählen, wie es besteuert wird. Neun von zehn Paaren wählen die gemeinsame Besteuerung.
Kommen wir zum Rückblick: Welcher war der Höhepunkt Ihrer Regierungszeit?
Zuerst war ich fünf Jahre lang Volkswirtschaftsdirektor, da eröffneten wir zum Beispiel die Durchmesserlinie. Ich erinnere mich, dass ich Jahre zuvor mit baden-württembergischen Ministern an einer Baustellenbesichtigung war, und sie sagten mir, Stuttgart 21 werde etwa gleichzeitig eröffnet. Darauf warten sie noch immer, die Durchmesserlinie ist aber längst offen.
Gab es in Ihrer Zeit als Finanzdirektor Kipppunkte?
Die Coronazeit war prägend.
Sie meinen den Rettungsdeal, den Sie mit ZKB-Präsident Jörg Müller-Ganz bei einer zufälligen Begegnung auf der Strasse vorspurten?
Innert 24 Stunden haben wir den ersten 425-Millionen-Kredit für Coronahilfen gezimmert, übrigens in diesem Sitzungszimmer.
Die Banken unter dem Lead der ZKB zahlten, der Kanton bürgte.
Wie viel wurde nicht zurückgezahlt?
Insgesamt beanspruchten die Banken 24,2 Millionen Franken. Entscheidend war aber etwas anderes.
Was denn?
Es gab Zeiten, da stand alles still. Ich bin einmal nach einer Regierungssitzung die Bahnhofstrasse hinuntergegangen, und alles war zu – an einem Mittwochmittag. Da dachte ich: Wie werden wir das je verkraften? Und heute dürfen wir feststellen: Es gab keinen Einbruch, die Wirtschaft hat sich als äusserst resilient erwiesen – auch dank staatlicher Hilfen wie dem Härtefallprogramm, für das Bund und Kanton über 1,3 Milliarden aufgewendet haben.
Kommen wir zu Ihrer Politkarriere: Haben Sie bereut, nicht für den Ständerat kandidiert zu haben?
Ich wurde mit 55 Jahren Regierungsrat. Wäre ich es früher geworden, wäre es vielleicht eine Option gewesen. Aber mit 65? Das stimmte für mich nicht.
Bald stimmen wir über die 10-Millionen-Initiative Ihrer Partei, der SVP, ab. Sie zielt auf die Personenfreizügigkeit. Was sagen Sie dazu?
Der Regierungsrat hat sich gegen die Initiative ausgesprochen, und ich halte mich ans Kollegialprinzip. Nur so viel: In meinen Augen hätte Bundesbern gut daran getan, einen Gegenvorschlag zu formulieren. Ich denke, in der Bevölkerung macht sich eine gewisse Wachstumsmüdigkeit breit.
Sie räumen der Initiative grosse Chancen ein?
Sie sind intakt, würde ich sagen. Die Wohnungskrise bewirkt, dass die Leute in den Aargau oder Thurgau ziehen. Das sind Alarmzeichen.
Das andere Grossthema sind die Verträge mit der EU, die Ihre Partei heftigst bekämpft. Ist gerade ein Wirtschaftskanton Zürich nicht angewiesen auf diese Verträge?
Auch da hat der Regierungsrat Position bezogen. Unser Wohlstand basiert darauf, dass wir gute wirtschaftliche Beziehungen zu allen Handelspartnern haben. Schwierig ist aber, das europäische System mit unserer föderalen Struktur zu verbinden. Im Übrigen bin ich dezidiert der Meinung, dass man einen so wichtigen Entscheid dem Ständemehr unterstellen sollte.
Kommen wir zu Ihrer Nachfolge: Auf lokaler Ebene haben es SVP-Mitglieder schwer bei Exekutivwahlen. Läuft die Partei in ein Problem für die Regierungsratswahl 2027?
Ich glaube nicht. Die Partei hat starke Kandidaturen. Die Stärke des Schweizer Systems ist, dass alle Kräfte eingebunden werden. Was geschieht, wenn das nicht so ist, sieht man im Ausland.
Ist Nationalrat Martin Hübscher – schon wieder ein Landwirt – der richtige Mann?
Der Entscheid steht noch aus. Aber selbstverständlich wäre er ein sehr guter Kandidat, gerade mit seinem beruflichen Werdegang. (lächelt)
Was macht der Privatmann Ernst Stocker ab Frühling 2027?
Mehr Zeit mit der Familie, meinen drei Enkeln und Freunden verbringen.
Im Stall misten? Kühe melken?
Das mache ich jetzt schon ab und zu. Entscheidend ist: Ich darf, muss aber nicht.
«Fürs letzte Jahr schreibt der Kanton ein Plus von 727 Millionen Franken. Das freut mich sehr»: Ernst Stocker in seinem Büro.
Ernst Stocker will glaubwürdig sein: «Ich kann nicht Investitionen zurückschieben und gleichzeitig die Steuern senken.»
«In der Bevölkerung macht sich eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Wachstum breit.»
Wer beerbt Ernst Stocker? Martin Hübscher sagt: «Ich stehe bereit»
Alles ist bei der SVP noch nicht klar. Aber eines schon: Finanzdirektor Ernst Stocker tritt bei den Wahlen im April 2027 nicht mehr an – obwohl es Stimmen gab, die ihn ermunterten, noch eine Legislatur im Regierungsrat anzuhängen. Das sagt der 70-Jährige im Interview mit dieser Redaktion.
SVP-Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli hat ihre Absichten noch nicht offengelegt. Allerdings deutet nichts auf einen Verzicht hin.
Bei der SVP ist längst klar, dass sie für Stocker eine Nachfolge finden muss. Er wollte schon 2023 abtreten. Doch die Partei fand niemanden und bat ihn, auszuhelfen. Was er auch tat.
Klären muss die Partei nun, ob sie mit drei statt zwei Kandidierenden für den siebenköpfigen Regierungsrat antreten will. Beschliessen werden dies der rund 60-köpfige Parteivorstand Mitte Juni und definitiv die Delegiertenversammlung am 9. Juli.
Oder folgt doch Tobias Weidmann?
Nun wagt sich ein möglicher Kandidat etwas aus der Deckung, der allenthalben als Favorit bezeichnet wird. Nationalrat Martin Hübscher sagt auf Anfrage: «Ich stehe bereit für eine Lösung, die der Partei hilft, den zweiten SVP-Sitz im Regierungsrat zu sichern.» Für den Landwirt, der am Sonntag 57 Jahre alt wird und mit seiner Ehefrau im Wiesendanger Ortsteil Bertschikon einen Hof führt, passt der Zeitpunkt besser als vor vier Jahren. Schon damals galt er als Favorit, sagte aber ab.
Mit der Zürcher Politik ist Hübscher bestens vertraut, auch wenn er seit Ende 2023 in Bern politisiert. Zuvor war er gut acht Jahre im Zürcher Kantonsparlament und führte fünf Jahre lang die SVP-Fraktion an. Im Nationalrat sitzt Hübscher in der wichtigen Kommission für Wirtschaft und Abgaben. Er ist langjähriger Präsident der Milchhandelsgenossenschaft Mooh und setzt sich im Parlament für Bauernanliegen ein. Sein Manko ist, dass er keine Exekutiverfahrung hat.
Hübscher ist kürzlich als Nachfolger von Nationalrat Thomas Matter ins Büro der Parteileitung der kantonalen SVP nachgerutscht. Das sechsköpfige Büro mit Parteipräsident Domenik Ledergerber an der Spitze gilt als «Inner Circle» der Partei, in dem die wichtigsten Entscheide gefällt oder vorgespurt werden. In diesem Gremium sitzt auch Tobias Weidmann, der ebenfalls als heisser Kandidat für ein Regierungsamt gehandelt wird. Der 43-jährige Finanzunternehmer aus Hettlingen bei Winterthur ist der Nachfolger Hübschers als SVP-Fraktionschef im Kantonsrat. Er hat sich mit einem prononciert scharfen Kurs einen Namen gemacht und gilt als smarter Netzwerker und Parteistratege.
Nina Fehr Düsel: «Etwas verfrüht»
Weidmann hatte vor vier Jahren als einer der wenigen nicht sofort abgesagt. Er will sich gegenwärtig nicht zu einer allfälligen Kandidatur äussern.
Infrage kommt auch Nationalrätin Nina Fehr Düsel. Die 45-jährige Juristin bei einer Versicherung hat Interesse am Amt signalisiert. Allerdings sei für sie der Zeitpunkt aus familiären und beruflichen Gründen noch «etwas verfrüht», wie die Küsnachterin im Januar dieser Redaktion sagte. «Ich könnte mir aber in Zukunft ein solches vielseitiges Exekutivamt sehr gut vorstellen.»
Fehr Düsel gilt als Kronfavoritin für die Nachfolge von Natalie Rickli, wenn diese aufhören oder in den Bundesrat gewählt werden sollte. Es gilt als unwahrscheinlich, dass die SVP am 4. April 2027 mit zwei Frauen in den Regierungswahlkampf steigt.
Auch Nationalrat Benjamin Fischer sieht Martin Hübscher als Favoriten. Sich selbst nimmt er aus dem Rennen: «Dieses Amt kommt für mich nicht infrage.» Er sei berufstätig und habe viel zu tun, zudem habe er kleine Kinder.
Viele Vakanzen im Regierungsrat absehbar
Die SVP-Leitung hat die Vorschläge der Findungskommission unter Ex-Kantonsrat und ZKB-Vizepräsident Roger Liebi längst gesichtet und viele Gespräche geführt. Wer auf der definitiven Liste steht, bleibt geheim. Im Regierungsrat könnte es zur grossen Erneuerung kommen. So wird spekuliert, dass nach Stocker und Jacqueline Fehr (SP) auch Silvia Steiner (Mitte) und Carmen Walker Späh (FDP) aufhören könnten. Sie alle sind in der dritten Legislatur. Bei Mario Fehr (parteilos), der seit 2011 amtiert, ist alles offen. (pu/nif)