Blick, 24. April 2026

Cedric Schild stöberte die Übeltäter auf – auch Politikerinnen müssen sich einiges gefallen lassen
QENDRESA LLUGIQI

Trauer, Mitgefühl – und rassistische Hetze: Bei einem tödlichen Unfall in Langenthal BE ist Mitte Januar ein 14-Jähriger ums Leben gekommen. Adon T.* († 14) ist auf einen abgestellten Zug in Langenthal gestiegen. Dabei wurde der Teenager von Lichtbögen getroffen. Er zog sich schwerste Verletzungen zu und konnte nur noch tot geborgen werden. «Es ist schrecklich», sagte sein Bruder Kiros T.* (20) damals zu Blick. «Es geht uns allen sehr schlecht.»

Auch auf Social Media wurde um den Teenager getrauert. Doch neben Beileidsbekundungen finden sich auch hässliche Kommentare. Weil der Teenager aus Eritrea stammte, hauten Rassisten ohne jegliches Mitgefühl in die Tasten und verbreiteten im Netz schonungslos ihren Hass. Jetzt hat das «Izzy»-Team rund um Cedric Schild (34) die Wutbürger aufgespürt und sie gleich mal zu Hause besucht. Spoiler-Alarm: Es wird Strafanzeigen hageln.

Die Onlinetrolle sind nicht extrem begeistert über Supercedis Besuch, doch ihre Äusserungen lassen erahnen, wie diese Menschen aus allen Ecken der Schweiz ticken. Das «Izzy»-Video ist ab heute auf Blick zu sehen. Cedric Schild erklärt dazu: «In diesem Video treffen wir auf Menschen, die das Gefühl haben, dass sie ins Internet schreiben können, was sie wollen.»

Einige der menschenverachtenden Kommentare: «Nur einer – schade!» Oder: «Um diese Uhrzeit wollten die eh nur etwas klauen. Gott straft sofort.» Und: «Der wurde in Crans nicht reingelassen. Also suchte er die Feuershow irgendwo anders. Wie ist das jetzt? Kremation fand schon statt?»

Über mehrere Tage hinweg sucht das «Izzy»-Team die Verfasser – und kann mehrere Personen schliesslich direkt konfrontieren. So etwa einen Mann, der Folgendes schrieb: «Also, ab solchen habe ich kein Mitleid. Kam eh illegal ins Land.»

Der Verfasser bestätigt Schild im Gespräch, dass er kein Mitleid mit dem Opfer habe. Ausserdem hetze er nicht, sondern tue lediglich die «Wahrheit» kund. Er dürfe ja seine Meinung äussern. Schild fragt fassungslos: «Wie kommen Sie darauf, so einen Hirnschiss ins Internet zu schreiben?»

Norina Meyer, Juristin beim «Beobachter»-Magazin, bestätigt im Video zwar, dass es in der Schweiz die Meinungsfreiheit gibt. Nur: «Diese ist nicht unbegrenzt.» Ihre fachliche Einschätzung: Viele dieser Kommentare könnten strafrechtlich relevant sein.

Ein zweiter Kommentar, der eingeblendet wird: «Sehr gut. Gleich der Nächste rauf. Kein Mitleid.» Dieser Verfasser bestätigt in der Livekonfrontation, dass er das geschrieben hat. Schild fragt empört: «Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?» Der Verfasser findet: Er ja, aber nicht der, der auf den Zug gestiegen sei. Ausserdem sagt er: «Von solchen gibt es einen Haufen.»

Ein weiterer schwieriger Kommentar: «Und erst noch einen Haufen Steuergelder gespart für diesen ‹Fachkräftler›.» Auch hier will der Verfasser in der Konfrontation nicht einsehen, dass sein Kommentar menschenverachtend ist. Für «Beobachter»-Juristin Meyer ist jedoch auch hier klar: Beide Kommentare könnten strafbar sein.

Die Hasskommentare bespricht Schild auch mit Alma Wiecken, Juristin und Leiterin des Sekretariats der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Sie bestätigt ihm, dass in diesem Fall die Hasskommentare über die Onlineplattform bereits gemeldet worden sind. Wiecken erklärt: Das EKR wird die Verfasser anzeigen. * Namen geändert

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Cedric Schild (l.) konfrontierte für das neue «Izzy»-Video verschiedene Internet-Rassisten. Alma Wiecken, Leiterin des Sekretariats der EKR. Die meisten Verfasser der Kommentare zeigten keine Reue. Einige Schreiber der Kommentare erhielten auch zu Hause Besuch.

Besonders schlimm trifft es Frauen und Mitglieder von Pol-Parteien

Hassnachrichten gegen Politiker sind mittlerweile Alltag

Für SVP-Nationalrat Benjamin Fischer (34, ZH) war das Fass irgendwann voll. Der Parlamentarier reichte letztes Jahr Strafanzeige gegen einen 64-jährigen Zürcher ein – wegen Hassnachrichten. Der Täter drohte unter anderem, Fischer und seine Familie mit einer Dampfwalze zu überfahren und die Überreste als Dünger zu verwenden.

Der Droher kassierte schliesslich eine Busse von 1800 Franken. Der Vorfall zeigt: Die nationalen Parlamentarierinnen und Parlamentarier sind unter Dauerbeschuss. Wie eine Studie der Universität Zürich letztes Jahr aufzeigte, wurden 98 Prozent von ihnen bereits Opfer verschiedenster Anfeindungen. «Arschloch», «Brunnenvergifter», körperliche Bedrohungen oder Gewalt – die Liste ist lang.

Bereits in der Vergangenheit machten Politikerinnen und Politiker die Angriffe auf ihre Person publik. Anfang Jahr offenbarte etwa die Walliser Mitte-Staatsrätin Franziska Biner (39) bei einem TV-Auftritt, einen Stalker zu haben. Für viele scheint es dennoch weiter eher unerwünscht, die eigenen Erfahrungen öffentlich zu machen: Zahlreiche von Blick angefragte Parlamentsmitglieder verzichten darauf, sich zu äussern.

Eine, die zurzeit viel einstecken muss, ist Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (62, BL). Dies vor allem wegen eines Themas: des EU-Dossiers. «Kritik gehört zur Politik – und sie darf auch deutlich und unbequem sein», sagt sie auf Anfrage.

In den sozialen Medien habe sich der Ton jedoch in letzter Zeit verschärft. Zwar besitze sie auch einen beachtlichen Stapel an anonymer Briefpost. «Online weiss man aber schlussendlich nicht mehr, wo wirklich noch eine reale Person dahintersteckt.» Auf X wird die Baselbieterin etwa als «Landesverräterin» bezeichnet oder mit Kraftwörtern eingedeckt. «Ich vermute, dass es oftmals auch koordinierte und KI-unterstützte Aktionen sind», sagt Schneider-Schneiter.

Die Nationalrätin griff dabei auch schon zu rechtlichen Mitteln: Als sie vergangenes Jahr auf Linkedin unter der Gürtellinie angegriffen wurde, erhob sie Strafanzeige. «Der Mann entschuldigte sich anschliessend aufrichtig bei mir», sagt sie. Auch aufgrund der persönlichen Situation des Mannes habe sie die Anzeige wieder zurückgezogen. «Ich wollte ihm nicht noch mehr Probleme machen», sagt sie.

Viele Amtsträgerinnen und Amtsträger sehen den Hass auch ganz einfach als Jobrisiko, das getragen werden muss. «Wichtig ist, dass Politikerinnen und Politiker aufgeklärt werden, worauf sie sich einlassen», sagt Schneider-Schneiter.

Auch die Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel (45) stimmt zu, dass politische Personen eine dickere Haut haben müssen. Dennoch gebe es Grenzen – nämlich dann, wenn der Hass strafrechtlich relevant werde. «Eine Anzeige musste ich bislang aber noch nie machen», sagt die Juristin.

Zumeist würden die Anfeindungen nämlich nicht ihre Person betreffen, sondern eher die Parteizugehörigkeit. Und wenn die Äusserungen unter der Gürtellinie seien, reagiere sie entweder nicht oder blockiere und melde die Person auf den sozialen Medien.

Auch Bundesrätinnen und Bundesräte sind nicht vor dem Onlinehass gefeit: Während die Landesregierung in der echten Welt gut beschützt wird, bieten die sozialen Medien die grosse Angriffsfläche. Zuletzt reichte Finanzministerin Karin Keller-Sutter (62, FDP) Strafanzeige ein, weil der KI-Chatbot Grok sie auf Anweisung eines Nutzers aufs Übelste beleidigte.

Besonders offensiv stellte sich vor einigen Jahren SP-Nationalrätin Tamara Funiciello (36) ihren Hatern: Zusammen mit dem Onlineportal Watson konfrontierte sie 2019 zahlreiche Verfasser von Hasskommentaren direkt an deren Haustür.

Die Berner Politikerin musste bereits als Juso-Präsidentin so einiges einstecken – endgültig eskalierte es jedoch, nachdem Funiciello 2018 in einem Nebensatz den Song «079» von Lo & Leduc als «sexistisch» betitelte. In den Zeitungen von CH Media wurde sie im Anschluss gar als «meistgehasste Frau der Schweiz» betitelt.

Laut der Studie der Universität Zürich sind Mitglieder von Polparteien und linke Frauen mehr betroffen – letztere besonders in den Gemeinden und auf kantonaler Ebene. «Bei den Frauen kommt zu den grundsätzlichen Anfeindungen immer noch eine Prise Sexismus hinzu», sagt Schneider-Schneiter.

Das zeigt sich auch an weiteren Beispielen: Viel abbekommen hat etwa die Grünen-Nationalrätin Meret Schneider (33) – besonders von Männern und bezogen auf ihr Aussehen. Auch bei SP-Neugewächs Farah Rumy (34) hagelt es immer wieder grenzwertige Kommentare, unter anderem aufgrund ihres Alters und ihrer sri-lankischen Herkunft. Auf Anfrage teilte Rumy mit, dass sie sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht weiter über ihre Erfahrungen äussern möchte.

JOSCHKA SCHAFFNER

Benjamin Fischer, Nationalrat. Elisabeth Schneider-Schneiter, Nationalrätin. Franziska Biner, Staatsrätin.

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