tagesanzeiger.ch, 22. April 2026

In Telegram-Foren wurden Deepfakes von mehreren Schweizer Influencerinnen veröffentlicht. Parlamentarierinnen von links bis rechts verlangen griffige Gesetze gegen Nudify-Apps und eine striktere Plattform­regulierung.

Person sitzt im Dunkeln vor einem Laptop mit leuchtendem rotem Keyboard und buntem Bildschirm. Expertinnen und Politikerinnen sind sich einig: Die heutigen Gesetze decken Grenz­überschreitungen wie sexualisierte Deepfakes nicht mehr genügend ab.
Foto: Getty Images / 500px

«Ich bin wirklich enttäuscht von der Schweizer Politik, dass sie da nicht schneller gehandelt hat», sagt Grünen-Nationalrat Raphaël Mahaim. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, dass sexualisierte Deepfakes als eigene Straftat gelten und die Plattformen strenger reguliert werden. Nun zeigt eine Recherche dieser Redaktion, dass Unbekannte auf zwei Telegram-Foren Dutzende sexualisierte Deepfakes von Schweizerinnen veröffentlichten.

Die heutigen Gesetze decken diese Grenzüberschreitungen laut Expertinnen nur ungenügend ab. Mahaim hat bereits vor drei Jahren einen ersten Vorstoss zu sexualisierten Deepfakes eingereicht. Bereits damals sei absehbar gewesen, dass man durch den Fortschritt der KI bald nicht mehr unterscheiden könne, ob ein Nacktbild oder Sexvideo echt oder gefälscht sei, so der grüne Politiker. Bundesrat und Parlament lehnten aber seine Motion ab. «Mit Blick auf das Strafrecht ist der Bundesrat der Ansicht, dass in Hinsicht auf den Gebrauch von Deepfake-Anwendungen keine gesetzlichen Lücken bestehen», sagte Bundesrat Albert Rösti (SVP).

Grünen-Nationalrat: «Wenn wir nicht einschreiten, kann jede Frau betroffen sein»

Bisher habe man stets über ein abstraktes Risiko gesprochen, so Mahaim. «Dabei hat die Deepfake-Welle die Schweiz längst erreicht.» Der grüne Nationalrat reichte daher im März eine weitere Motion ein. Darin fordert er einen konkreten Gesetzesentwurf, der Anbieter von KI-Diensten verpflichtet, ihre Angebote hinsichtlich der Herstellung verbotener oder persönlichkeitsverletzender Inhalte zu prüfen.

Aufgrund der neuen Debatte um Deepfakes sieht Mahaim gute Chancen dafür, dass das Schweizer Parlament den Handlungsbedarf jetzt anerkennt. «Allein die Anzahl der nun bekannten Schweizer Opfer ist ein klares Zeichen, dass wir in ein gesellschaftliches Problem hineinlaufen. Wenn wir nicht einschreiten, kann praktisch jede Frau davon betroffen sein.»

Grüner Nationalrat Raphaël Mahaim lehnt an einer Säule im Bundeshaus Bern, trägt einen dunklen Blazer und hellblaues Hemd.
Der Grüne Nationalrat Raphaël Mahaim sagt: «Die Anzahl der Schweizer Opfer ist ein klares Zeichen, dass wir in ein gesellschaftliches Problem hineinlaufen.»
Foto: Yvain Genevay

 

Auch für SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel ist klar: «Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein.» Die neuesten Fälle in der Schweiz zeigten, dass mit künstlicher Intelligenz gefälschte Bilder, sogenannte Deepfakes, bis jetzt nicht mitgedacht würden im Schweizer Strafgesetz, sagt Juristin Fehr Düsel.

Sie hat bereits 2024 mit einer Motion gefordert, dass «entwürdigende Nudify-Apps» eingeschränkt werden müssten. Solche Programme generieren mittels KI gefälschte Nacktbilder aus Originalfotos. Der Bundesrat lehnt den Vorstoss ab. Er will die KI-Regulierung abwarten.

Strategie, um die Flut an Deepfakes aufzuhalten

Gleichzeitig muss der Bundesrat aber eine Strategie erarbeiten, wie koordiniert gegen den Missbrauch von Bildmaterial vorgegangen werden kann. Der entsprechende Vorstoss von Fabio Regazzi wurde mit grosser Mehrheit überwiesen. Der Mitte-Ständerat betont die Dringlichkeit: «Das Thema brennt. Wir können es uns nicht leisten, weiter zu zögern.» Jahr für Jahr würden die Fälle zunehmen. Nur eine nationale Strategie könne dabei helfen, «die Flut an Deepfake-Pornos und Erpressung mit intimen Bildern aufzuhalten». Besonders geht es ihm um den Schutz der Kinder und Jugendlichen.

Nina Fehr Düsel (SVP) sitzt konzentriert vor ihrem Laptop im Nationalratssaal während der Frühjahrssession 2025 im Bundeshaus.
SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel fordert mit mehreren Vorstössen mehr Schutz im digitalen Raum – besonders für Kinder und Jugendliche.
Foto: Matthias Spicher («20 Minuten»)

 

Regazzi will aber das Problem auch an der Quelle angehen: bei den Plattformen. Er befürwortet ebenso wie Fehr Düsel eine verstärkte Regulierung ebendieser. Datenschutz und Meinungsfreiheit seien hochzuhalten, aber es dürfe nicht sein, dass Kriminalität im Netz geduldet werde, sagt die SVP-Nationalrätin. Deshalb unterstützt sie die Internetinitiative von Guido Fluri: Diese will Techkonzerne stärker zur Verantwortung ziehen. Derzeit läuft die Unterschriftensammlung.

SP fordert einen eigenen Straftatbestand zu Deepfakes

Fehr Düsel ist – wie auch Raphaël Mahaim – Mitglied der Rechtskommission, die sich derzeit mit mehreren Vorstössen zu KI befasst. Sie sagt, die Debatte zeige, dass politische Forderungen zur Strafbarkeit von Internetdelikten und für mehr Jugendschutz immer mehrheitsfähiger würden.

Die Kommission hat vergangene Woche einen wegweisenden Entscheid gefällt – und dies einstimmig. Mit einem Kommissionspostulat wird der Bundesrat aufgefordert, die Strafprozessordnung im Hinblick auf ihre Tauglichkeit zu analysieren, ob sie den Anforderungen der Digitalisierung gerecht wird. In einer nächsten Sitzung will die Kommission zudem die Frage der Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte vertieft diskutieren.

Tamara Funiciello (SP) ist ebenfalls Mitglied der Rechtskommission und sagt: «Deepfakes sind das Symptom eines Problems, das wir in unserer Gesellschaft lösen müssen.» Das sei eine Generationenaufgabe. «Aber parallel müssen wir daran arbeiten, die gesetzlichen Lücken zu identifizieren und zu schliessen.»

Ihr Parteikollege Ueli Schmezer wird deutlicher. Er fordert, dass hart bestraft wird, wer solche Deepfakes herstellt. «Wir dürfen nicht zuschauen, wie aus der Hälfte der Menschheit vulnerable Personen werden.» Ein entsprechender Gesetzesartikel im Strafrecht müsse aber so formuliert sein, dass auch künftige technologische Entwicklungen abgedeckt würden.

Auch die Juso und die Grüne Partei verlangen, dass Deepfake- und Nudify-Apps verboten werden. Die Grünen lancierten dazu einen offenen Brief an den Bundesrat, der bisher von über 5000 Menschen unterzeichnet wurde. Darunter sind auch Opferschutzexpertin Agota Lavoyer, Moderatorin Gülsha Adilji, Satiriker Renato Kaiser, Unternehmerin Patrizia Laeri und Radsportlerin Marlen Reusser.