tagesanzeiger.ch, 4. Juni 2026

Daniel Jositsch tritt als Parteiloser nochmals an. Dabei muss er sich wohl gegen prominente Politikerinnen wie Jacqueline Badran und Natalie Rickli durchsetzen.


Daniel Jositsch gibt an einer Pressekonferenz seinen Parteiaustritt bekannt. Foto: Sabina Bobst

Die SP will ihn nicht mehr, doch Daniel Jositsch will noch immer – Ständerat sein.

Nachdem die kantonale SP-Delegiertenversammlung vergangene Woche entschieden hat, 2027 ohne ihren langjährigen Spitzenpolitiker in die Wahlen zu ziehen, hat Jositsch am Donnerstag an einer Medienkonferenz klargemacht: Nein, für ihn soll es noch nicht vorbei sein. Der 61-Jährige wird nächstes Jahr für eine vierte Amtszeit im Ständerat kandidieren – als Parteiloser. «Ich habe mich entschieden, per sofort aus der sozialdemokratischen Partei auszutreten.»

Jositsch, der zum sozialliberalen Flügel der Partei gehörte, und die SP haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr auseinanderdividiert. Aus Sicht von Jositsch verfolgt die Partei einen stärkeren «Linkskurs» als früher.

Jositsch, der die Medienkonferenz mit FDP-blauer Krawatte abhielt, zerstreute Gerüchte, wonach er mit anderen Parteien darüber verhandle, sich einer neuen Fraktion anzuschliessen – beispielsweise jener der Freisinnigen. Er sagte auch: «Ich wäre lieber in der SP geblieben.» Mit seiner früheren Partei wolle er nicht in einen Konflikt treten.

Diese gibt sich ebenfalls diplomatisch: Sie bedaure den Entscheid von Daniel Jositsch, schreibt die SP in einer Mitteilung. Zugleich bekräftigte die SP ihre Absicht, im Herbst 2027 ihren Ständeratssitz zu verteidigen. Dies dürfte mit Nationalrätin Jacqueline Badran geschehen.

SVP und FDP wollen nach Daniel Jositschs Parteiaustritt zusammenarbeiten

Durch Jositschs «wilde» Kandidatur ist vieles offen im Rennen um die zwei Zürcher Ständeratssitze.

«Die Ausgangslage hat sich schlagartig geändert», sagt Domenik Ledergerber, Präsident der kantonalen SVP. Umso wichtiger sei es nun, mit einer starken Kandidatur in die Ständeratswahlen zu ziehen. Die SVP ist laut Ledergerber derzeit mit der FDP im Gespräch. «Wir loten aus, ob wir uns im bürgerlichen Lager auf eine gemeinsame Kandidatur einigen können.» 

Auch FDP-Kantonalpräsident Filippo Leutenegger zeigt sich auf Anfrage offen für eine Zusammenarbeit unter den Bürgerlichen bei den Ständeratswahlen 2027. Die FDP habe aber noch nichts entschieden, dafür sei es zu früh, sagt Leutenegger.  

Diese Redaktion hat zahlreiche Amtsträgerinnen und Amtsträger der SVP und der FDP angefragt, ob sie an einer Kandidatur interessiert wären. Viele verneinten oder gaben an, dass der Zeitpunkt, sich zu entscheiden, noch nicht gekommen sei. 

Natalie Rickli und Nina Fehr Düsel zeigen sich interessiert

Als überraschende mögliche Kandidatin bringt sich SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli ins Spiel: «Ich prüfe eine Ständeratskandidatur. Die Konsequenz wäre allerdings, im Frühling 2027 nicht mehr für den Regierungsrat zu kandidieren.» Sie werde dies mit ihrer Partei besprechen, sagt Rickli. Die SVP müsste in diesem Szenario zwei zurücktretende Regierungsräte ersetzen. Auch Ernst Stocker hört 2027 auf.


Hat sich überraschenderweise ins Ständeratsrennen gebracht: SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli, Vorsteherin der Gesundheitsdirektion. Foto: Moritz Hager

Interesse drückt auch SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel aus. Das Amt als Ständerätin würde sie «grundsätzlich sehr reizen», sagt sie. Ob die Wahlen 2027 der richtige Zeitpunkt seien, habe sie noch nicht entschieden. «Ich bin aber von der Findungskommission der SVP des Kantons Zürich angefragt worden», sagt Fehr Düsel. 

Auch der FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann ist nicht abgeneigt: Er werde sich dafür einsetzen, die «unmögliche Zürcher Ständeratskonstellation» zu durchbrechen. «Sollte das bürgerliche Zürich zum Schluss kommen, dass dies mit meiner Person möglich wäre, würde ich mir eine Kandidatur ernsthaft überlegen.»


FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann würde sich eine Kandidatur «ernsthaft überlegen». Foto: 20min/Matthias Spicher

Daniel Jositsch habe gute Chancen auf eine Wiederwahl

Als SP-Mitglied würde Daniel Jositsch wohl problemlos wiedergewählt. Die Frage ist, ob er sich auch ohne Partei gegen die starke Konkurrenz behaupten kann.

Jositsch selber sagte an der Pressekonferenz, dass es ein schwieriger Wahlkampf werde. Historische Vergleiche gebe es nicht. Mario Fehr sei nach seinem SP-Austritt als Parteiloser in den Regierungsrat gewählt worden. «Aber Regierungsräte gibt es sieben, Ständeräte nur zwei.» Seine Chancen könne er nicht wirklich einschätzen. «Aber ich probiere es einfach. Ich habe die volle Motivation.» Seine Grossmutter habe immer gesagt: «Wahrscheinlichkeitsrechnungen machen einen nur nervös.» 

Laut der Politologin Sarah Bütikofer kann sich Daniel Jositsch Hoffnungen machen. Es komme zwar auf die Konkurrenzsituation an, sagt Bütikofer auf Anfrage. Doch Daniel Jositsch habe trotz des Parteiaustritts gute Chancen auf eine Wiederwahl. «Bisherige sind immer im Vorteil», sagt Bütikofer. Jositsch werde jene pointiert linken Wählerinnen und Wähler verlieren, die ihm bislang vor allem deshalb die Stimme gaben, weil er SP-Mitglied war. Auch bei den Frauen werde er wohl weniger punkten als in früheren Wahlgängen. 

Diese wegfallenden Stimmen könne Daniel Jositsch aber wahrscheinlich verkraften. «Er erreichte bei den letzten Wahlen im 1. Wahlgang über 230’000 Stimmen, ein Riesenvorsprung», sagt Bütikofer. Sie schätzt, dass er einen Teil der SP-Stimmen behalten würde. Der Vertrauensentzug durch die Delegierten sei ja nur mit einer knappen Mehrheit erfolgt. Zudem könne Jositsch durch den Parteiaustritt durchaus neue bürgerliche Wählerstimmen holen.


Tiana Angelina Moser (GLP) und Daniel Jositsch (SP) am 1. Juni im Ständerat. Beide wollen den Kanton Zürich weiterhin iim Ständerat vertreten. Foto: Peter Schneider

Der Bisherigenvorteil spiele auch für die zweite Zürcher Ständerätin, Tiana Angelina Moser. Zwar habe sie mit der GLP keine grosse Hausmacht. «Aber aufgrund ihrer Zentrumsposition kann sie gut vom linken und liberalen Spektrum gewählt werden», sagt Sarah Bütikofer. Mit Monika Weber (LdU) und Verena Diener (GLP) gebe es in Zürich zudem eine lange Tradition von Frauen aus kleinen Zentrumsparteien, die den Kanton im Ständerat vertraten.

Büttikofer: «Auch Natalie Rickli hätte eine schwierige Aufgabe»

Schwierig werde es für die Bürgerlichen, sagt Bütikofer. Die SVP habe in der Vergangenheit schon alles probiert, kontroverse Kandidaten aufgestellt oder konziliante. Nichts habe funktioniert. «Ich glaube daher nicht, dass sie im Kanton Zürich einen Ständeratssitz gewinnen kann. Auch Natalie Rickli hätte eine schwierige Aufgabe.»

Der FDP wiederum fehle im Moment der grosse Name. Andri Silberschmidt wäre laut Bütikofer ein rechtsliberaler Kandidat, der das nötige Potenzial entfachen könnte. Doch Silberschmidt wolle bereits Regierungsrat werden. «Ausser ihm und vielleicht Regine Sauter sehe ich niemanden aus der Partei, der gegen zwei Bisherige bestehen könnte.»

Die Chancen von Jacqueline Badran, die voraussichtlich durch die SP anstelle von Daniel Jositsch nominiert wird, sind gemäss Bütikofer derzeit schwer einschätzbar. Die Linke werde sie sicherlich sehr stark unterstützen. Aber wie gross ihr Potenzial im Zentrum und im rechten Spektrum tatsächlich sei, bleibe unklar. Je nach Ausgangslage bei einem allfälligen zweiten Wahlgang läge eine Wahl aber durchaus drin.

Klar ist: Der Ständeratswahlkampf 2027 wird intensiv ausfallen im Kanton Zürich.