tagesanzeiger.ch, 21. Juni 2026

Nationalrätin Nina Fehr Düsel will Fälle, wie sie jüngst in Bern und Winterthur stattgefunden haben, verhindern. Ihr Vorstoss wurde von Vertretern aller Parteien mitunterzeichnet.


«Der Kinderschutz muss Vorrang haben vor dem Recht auf Unschuldsvermutung»: Die Zürcher SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel verlangt eine Liste gegen sexuelle Übergriffe in Kitas.

Der Fall eines jungen Mannes, der in Kindertagesstätten in Bern und Winterthur mehrere Kinder missbraucht hatte, beschäftigte in den letzten Monaten wohl manche Eltern. Nicht nur wegen des Ausmasses: Insgesamt 15 Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren waren betroffen.

Der Fall wühlte auch deshalb auf, weil es früh Signale gab, die übersehen oder falsch gedeutet wurden, weshalb der Mann von einer Kita zur nächsten wechseln konnte. So flog der damals 29-Jährige in Winterthur erstmals 2022 auf, als eine Mutter der Kita-Leitung meldete, ihre vierjährige Tochter berichte von sexuellen Übergriffen durch den Mann. Die Kita erstattete Anzeige und entliess den Mitarbeiter. Ein knappes Jahr später stellte die Zürcher Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein, weil sich der Verdacht nicht hatte erhärten lassen.

Inzwischen hatte der Mann in einer Berner Kindertagesstätte wieder eine neue Stelle gefunden. Wie in Winterthur war er auch hier wieder Gruppenleiter, hatte also besondere Verantwortung. Ein Jahr nach Stellenantritt erwischten ihn die Berner Strafverfolgungsbehörden. Aufgrund eines Hinweises aus den USA ermittelten sie gegen ihn und fanden bei einer Hausdurchsuchung rund 800 Bilder und Videos, darunter auch von den Übergriffen in den Kitas in Bern und Winterthur.

Für Schulen gibt es eine Liste

Die Berner Kita sagt, sie habe in der Winterthurer Kita eine Referenz für den Bewerber eingeholt. Diese sei positiv gewesen. Die Winterthurer Kita widerspricht: Man sei von der Berner Kita nie um Auskünfte über den betreffenden Mann gebeten worden. So wurde die Kita von SRF zitiert.

Nun soll eine schweizweite Präventionsmassnahme solchen Missverständnissen vorbeugen. Die Zürcher Nationalrätin Nina Fehr Düsel verlangt die Einführung einer sogenannten schwarzen Liste für fehlbare Kinderbetreuer. In einer Ende Woche eingereichten Motion fordert sie den Bundesrat auf, einen Gesetzesentwurf für eine schweizweit geltende Regelung auszuarbeiten.

Vorbild sei die Liste der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) für Lehrpersonen, welche ihre Unterrichtsberechtigung verloren haben – aufgrund von Sexualdelikten, aber auch anderer Umstände wie etwa Suchtkrankheit. Die Rechtsabteilung der EDK führt diese Liste und gibt sie den Kantonen auf Anfrage heraus. Rund 100 Personen stünden auf der Liste, sagt EDK-Sprecher Stefan Kunfermann auf Anfrage.

Eine solche Liste fülle eine Lücke, sagt Fehr Düsel. Denn ein Strafregisterauszug gibt erst nach Beendigung eines Strafverfahrens Aufschluss über die Vorgeschichte eines Bewerbers. Und bis ein Strafverfahren abgeschlossen ist, kann es viele Jahre dauern. Auch Mitte-Ständerat und Anwalt Beat Rieder warnte kürzlich davor, dass Sexualstraftäter «weiter delinquieren» könnten, weil die Strafverfahren lange dauern oder teilweise sogar verjähren und die Betreffenden so in keinem Strafregister figurieren.

«Schutz der Kinder hat Vorrang»

Nur: Anders als bei Lehrpersonen, bei denen der Entzug der Unterrichtsberechtigung als Kriterium für die Liste dient, fehlt ein solcher Anhaltspunkt bei Mitarbeitenden von Kindertagesstätten. Bundesrat und Parlament müssten die Kriterien definieren, sagt Nina Fehr Düsel. Sie selbst sei der Ansicht, dass ein blosser Vorwurf noch nicht genüge, um jemanden auf die Liste zu setzen, ein laufendes Verfahren jedoch schon.

«Wenn es eine Strafanzeige wegen eines Sexualdelikts gegeben hat und die Behörden ermitteln, dann ist das Grund genug.» Diese Liste sei nur einem sehr beschränkten Personenkreise zugänglich, und bei einer Verfahrenseinstellung oder einem Freispruch werde die Person wieder von der Liste gestrichen. «Der Schutz der Kinder muss hier höher gewichtet werden als das Recht auf Unschuldsvermutung», sagt die Juristin.

Fehr Düsel bekommt für die Motion viel Zuspruch. 60 Mitglieder des Nationalrats aus allen Parteien haben den Vorstoss mitunterzeichnet. Auch der schweizerische Kita-Dachverband Kibesuisse formuliert vage Zustimmung. «Wir halten den Vorschlag für prüfenswert», sagt Sprecher Maximiliano Wepfer.