tagesanzeiger.ch, 30. Juni 2026

«Seit Sonntag habe ich viel geweint» – «Im Paradiesli sollten sich alle wohlfühlen, auch trans Frauen»

Nachdem eine trans Frau im Berner FKK-Bereich von der Polizei in Hand­schellen abgeführt wurde, wird über den Zugang zu Frauen­badis gestritten. Der Vorfall zeigt einen Graben zwischen den politischen Lagern – und den Generationen.


Schön könnte es im Marzili sein, doch nun gibt es Streit wegen einer trans Frau.

Der Bedarf zu reden ist gross im Paradiesli. Am Eingang liest eine braun gebrannte ältere Frau ein Informationsblatt der Stadt Bern zum Vorfall mit einer trans Frau am Sonntag. «Es ist ein fertiger Mist, was passiert ist», sagt die Besucherin.

Noch sind nicht alle Details bekannt, aber es deutet vieles darauf hin, dass die Auseinandersetzung am frühen Sonntagabend binnen kurzer Zeit heftig wurde. Im Berner Marzilibad waren mehrere Besucherinnen irritiert, weil sich im Frauen-FKK-Bereich, genannt Paradiesli, eine Person aufhielt, die äusserlich wie ein Mann aussah. Laut einer Mitteilung der Stadtbehörden solidarisierten sich andere Besucherinnen mit der trans Frau. Angesichts der drohenden Eskalation riefen Angestellte des Bades die Polizei. Aus dem Umfeld der betroffenen trans Frau heisst es, sie sei von sechs Polizeiangestellten zu Boden gebracht und in Handschellen abgeführt worden. Die Stadt Bern hat sich inzwischen für den Polizeieinsatz entschuldigt.

Zwei Tage später sagt eine weitere Frau im Pensionsalter, die das Paradiesli seit Jahrzehnten besucht: «Seit Sonntag habe ich viel geweint.» Sie sei als Kind missbraucht worden und komme her, um unter Frauen Raum zu haben, erklärt sie. Sie war eine der Frauen, die sich gestört fühlten: Die trans Frau habe ihren Penis gezeigt.

Besonders erschüttert ist die Frau aber darüber, dass sie von jungen Frauen verbal angegriffen worden sei, die sich zuvor mit der trans Frau solidarisiert hätten. «Sie sagten, wir Älteren sollten aus dem Paradiesli verschwinden», erzählt sie.

Wer darf in die Frauenbadi?

Solche Vorfälle sind selten in der Schweiz. Dennoch erregen sie – auch ohne Polizeieinsatz und Festnahme – die Öffentlichkeit. Der Konflikt entzündet sich an der Frage, wer zum geschützten Raum einer Frauenbadi Zugang erhalten soll, ob das amtliche Geschlecht oder der visuelle Eindruck gilt. Oder schlicht: Dürfen auch trans Frauen hinein?

Bekannt ist ein früherer Fall aus Zürich: Im August 2022 wurde einer trans Frau der Einlass in das Frauenbad am Zürcher Stadthausquai verwehrt, obwohl sich die Person an der Kasse mit einem amtlichen Dokument als Frau ausweisen konnte. Das Personal nahm sie jedoch als Mann wahr, weil sie einen Schnurrbart trug.


Wurde von einem «Experiment» heimgesucht: Die Frauenbadi in Zürich.

Drei Jahre später erregte ein «Experiment» die Öffentlichkeit: Ein Journalist hatte jene Regelung genutzt, die in der Schweiz seit 2022 gilt. Danach kann man für 75 Franken den Geschlechtseintrag auf dem Zivilstandsamt unbürokratisch ändern. Trotz seines neuen Ausweises habe ihn eine Bademeisterin an der Kasse der Zürcher Frauenbadi mit den Worten abgewiesen: «Ich lese Sie männlich.»

Das Sportamt der Stadt Zürich schreibt auf Anfrage, es könne keine Angaben darüber machen, wie viele solche Vorfälle von Abweisungen und versuchten Eintritten sich in den letzten Jahren ereignet hätten. Denn deren Anzahl werde nicht erhoben.

Überwindung der Geschlechter­differenz in der Frauenbadi?

In der Schweizer Politik sind die Positionen zur Badi-Debatte eindeutig: «Vor genau solchen Ereignissen haben wir gewarnt», sagt die SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel. Aus ihrer Sicht sei es inzwischen viel zu leicht, das amtliche Geschlecht zu ändern. Deshalb vermutet die Juristin, dass der Vorfall im Marzili nicht der letzte gewesen sei. «Trans Frauen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen sollten sich nicht in der Frauen-FKK-Zone aufhalten – aus Respekt», sagt Fehr Düsel. Zugleich betont sie: «Es ist nicht in Ordnung, wenn trans Personen angefeindet werden.» Genau deshalb verlange sie aber auch von trans Personen einen respektvollen Umgang, zumal gegenüber Frauen, die sich zu Recht gestört fühlten.

Die Berner SP-Stadträtin Nadine Aebischer widerspricht: «Es ist falsch, die Sicherheit von cis Frauen – also jenen Frauen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich auch damit identifizieren – gegen jene von trans Frauen auszuspielen», sagt sie. Aebischer plädiert dafür, die Geschlechterbinarität von Mann und Frau zu überwinden und die Vielfalt der Geschlechter als neue Normalität anzuerkennen – auch in der Frauenbadi. «Es ist absurd, dass hier zwei Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, die beide Gewalt erleben – während die eigentlichen Gewalttäter dabei aussen vor bleiben», sagt die Stadträtin. Komme es dennoch zu Konflikten in Frauenzonen, müsse das Badipersonal vermitteln. «Dafür braucht es Schulungen», so Aebischer. Deshalb plant die SP-Stadträtin, einen politischen Vorstoss für verpflichtende Personalkurse einzureichen.

Konflikt verläuft auch zwischen den Generationen

Der Besuch im Marzili zeigt: Die Konfliktlinie verläuft nicht nur zwischen den politischen Lagern, sondern auch zwischen jüngeren und älteren Frauen. Im Paradiesli liegen im Schatten eines Baumes drei junge Frauen auf ihren Badetüchern, und anders als viele älteren Frauen tragen sie auch im FKK-Bereich einen Bikini. Auch sie finden es «nicht okay», was am Sonntag passiert ist – aber aus einem anderen Grund als die Frauen am Eingang. «Im Paradiesli sollten sich alle wohlfühlen, auch trans Frauen», sagt die eine. Das Thema findet sie «mega wichtig». Trans Frauen würden viel Gewalt erleiden, deshalb hätten auch sie das Recht auf sichere Orte. Dass der Anblick eines männlichen Körpers missbrauchte Frauen retraumatisieren könne, streiten sie zwar nicht ab. Aber statt die trans Frau wegzuweisen, hätten sich die Verantwortlichen des Bades um die «getriggerten» – also aufgebrachten – Frauen kümmern sollen.

Eine Frau in mittleren Jahren hat den Vorfall am Sonntag ebenfalls beobachtet. Sie habe die trans Frau mit langen Haaren und männlichem Körper zwar registriert, aber nicht als störend empfunden, erzählt sie. «Die trans Person war kein Glüschteler und kein Polteri. Sie war mit ein paar Freundinnen im Paradiesli und verhielt sich diskret. Sie beharrte aber auf ihrem Recht.»

Regeln sind im Paradiesli eigentlich klar

Im Paradiesli sind die Regeln eigentlich klar: «Alle Personen, die sich als Frau identifizieren und als solche leben, haben Zugang zum freiwilligen FKK-Bereich», hielt die Stadt Bern am Montag fest. Im Konfliktfall gelte das in einem amtlichen Ausweis festgehaltene Geschlecht.

Am Sonntag ergaben sich aber zwei Probleme. Erstens war die Regel dem involvierten Sicherheitsdienst Taktvoll nicht bekannt. «Unserer Mitarbeiterin wurde seitens des Freibads kommuniziert, dass im Paradiesli alle Frauen willkommen sind, solange sich niemand stört», sagt Taktvoll-Geschäftsleitungsmitglied Aurelia Golowin. Offenbar gab es hier Missverständnisse, was die Regeln anbetrifft.

Zweitens weigerte sich die Person laut der Berner Kantonspolizei, ihren Ausweis zu zeigen. «Die betroffene Person verhielt sich unkooperativ», so Polizeisprecherin Sarah Wahlen. Sie sei festgenommen worden, weil es nicht möglich gewesen sei, ihre Identität vor Ort zu überprüfen. Laut Stadt Bern informierten aber Anwesende das Personal, dass sie als Frau eingetragen sei.

Unverständnis gegenüber neuer Frauenbewegung

«Ein Vorfall wie im Marzilibad war längst zu erwarten», sagt die feministische Pionierin, Juristin und ehemalige Basler SP-Nationalrätin Margrith von Felten. In der Frauenbadi seien Frauen geschützt vor vielfältigen Übergriffen durch Männer, etwa vor Blicken, Bemerkungen, Lärm oder unerwünschten Berührungen – und hätten so ihre Ruhe. «Ich verstehe die neue Frauenbewegung nicht, wenn sie behauptet, es gebe keine biologischen Geschlechter, sondern nur ein Spektrum. Das ist Realitätsverweigerung.» Wenn trans Frauen in Frauen-Schutzräumen wie dem Paradiesli Zugang erhielten, dann sei die Sicherheit von Frauen gefährdet. Auch trans Personen brauchten Schutzräume – «aber eigene».

Anders sieht das Jann Kraus vom Vorstand des Transgender Network Switzerland: «Dass es innerhalb von Frauenräumen Hierarchien gibt und einzelne Frauen entscheiden dürfen, wer diesen geschützten Rückzugsort nicht verdient hat, ist eine absurde und beschämende Verdrehung des Schutzprinzips.» Das Transgender Network steht in Kontakt mit der betroffenen trans Frau und ihrem Umfeld – und begrüsst die Entschuldigung der Stadt Bern. Für Kraus ist klar: «Sie wurde Opfer von transfeindlicher Gewalt.» Wer die Polizei nutze, um gewaltsam eine Frau entfernen zu lassen, an deren Körper man sich störe, der oder dem gehe es nicht um das Wohl von Frauen.

Trans Personen meiden Badis – aus Angst

Zahlen zeigen, dass solche Eklats extrem selten sind: Seit der vereinfachten Änderung des Geschlechtseintrags im Januar 2022 haben rund 3000 Personen diesen Schritt gemacht – landesweit sind in den letzten Jahren nur drei Badikonflikte bekannt geworden. Das sei kein Zufall, sagt Jann Kraus: Trans Personen seien überproportional oft von Übergriffen betroffen. Dies führe zu einem spürbaren Rückzug: «Viele meiden öffentliche Orte wie Gartenbäder, Fitnesscenter oder Wellnessbereiche – aus Angst, dass ihnen genau das passiert, was nun in Bern geschehen ist.»